Am Dienstag beginnt der Prozess gegen Leichtathletik-Coach Ewald K. Ihm wird sexueller Missbrauch in 215 Fällen bei unter 14-Jährigen vorgeworfen.
Als das Telefon klingelte, dachte niemand in der Familie K., dass dieser Anruf das Leben der ganzen Familie verändern würde. Ein Mann war am Apparat, er forderte Geld. Sollte die Familie in Penzberg die Summe nicht bezahlen, so werde er zur Polizei gehen und den Beamten von den schrecklichen Taten Ewald K.'s berichten.
An diesem Dienstag beginnt vor dem Landgericht München II der Prozess gegen den früheren Leichtathletiktrainer Ewald K. (© Foto: dpa)
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Den Eltern und der Schwester K.'s, so berichtet es K.'s Verteidiger Florian Schneider, erschienen die Vorwürfe völlig abwegig. Ihr Sohn, ihr Bruder ein Kinderschänder? Der Erpresser blieb erfolglos, und so marschierte er zur Polizei. Denn die Vorwürfe waren keineswegs aus der Luft gegriffen, der Erpresser war früher selbst eines von K.'s Opfern gewesen.
An diesem Dienstag beginnt vor dem Landgericht München II der Prozess gegen den früheren Leichtathletiktrainer Ewald K.: Der 49-Jährige ist des Kindesmissbrauchs angeklagt - im Zeitraum zwischen 1990 und 2008 soll er in 215 Fällen Buben unter 14 Jahren sexuell missbraucht haben. Hinzu kommen 82 Fälle des sexuellen Missbrauchs an männlichen Schutzbefohlenen unter 18 Jahren. Das Gesetz sieht für diese Vergehen eine Freiheitsstrafe von bis zu 15 Jahren vor. Verteidiger Florian Schneider kündigte ein Geständnis seines Mandanten an.
Verhaftung während des Trainings
Es ist eine Horrorvorstellung für Eltern: Dass ihre Kinder ausgerechnet im Sporttraining, wo man sie bestens aufgehoben und umsorgt wähnt, sexuellen Übergriffen zum Opfer fallen. Doch genauso soll es gewesen sein: Der ledige Ewald K. trainierte von 1990 an nebenberuflich eine Leistungsgruppe männlicher Nachwuchsathleten beim TSV Penzberg, seit 1991 war er laut Anklage auch als Trainer für das private Isar-Sportgymnasium in München tätig.
Irgendwann ließ sich die Nebentätigkeit nicht mehr mit seinem Beruf vereinbaren. Der stellvertretende Restaurantleiter eines Münchner Luxushotels kündigte, fortan trainierte er für den Bayerischen und Deutschen Leichtathletik-Verband hoffungsvolle Sprinter und Hürdenläufer.
Bis zum 18. November 2008: In der Werner-von-Linde-Halle, dem Trainingszentrum der Leichtathleten im Olympiapark, verhafteten ihn Polizeibeamte während des Trainings und ließen die irritierten Sportler zurück.
Die Vorwürfe: Seit 1990 soll Ewald K. immer wieder Athleten sexuell missbraucht haben. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, sich zwischen 1990 und 1996 vor allem an einem seiner Sportschüler vergangen zu haben, der im Tatzeitraum zwischen acht und 14 Jahre alt war. Die Taten gingen laut Anklage über Manipulationen weit hinaus, K. zwang sein Opfer zum Oral- und Analverkehr. Und er verlangte von dem Kind zu schweigen und verlieh seiner Forderung mit hohen Geld- und Sachgeschenken Nachdruck.
In den folgenden Jahren wurden offenbar mehrere Kinder Opfer von Ewald K.. Die Übergriffe seien in all den Jahren nicht nur im Auto auf dem Weg von Penzberg nach München zum Training erfolgt, sondern auch im Behandlungsraum des Olympiastützpunktes, in Nebenräumen der Werner-von-Linde-Halle sowie in Trainingslagern im Ausland, wo sich der Angeklagte ein Doppelbett mit einem seiner Schützlinge teilte.
Sogar in der Geisterbahn beim Besuch eines Freizeitparks oder in der Wohnung der Eltern, im Kinderzimmer, seien einige der Betroffenen von ihrem Trainer attackiert worden. Rund ein halbes Dutzend Kinder und Jugendliche wurden den Ermittlungen zufolge seine Opfer - und das sind vermutlich längst nicht alle. "Einige Fälle sind bereits verjährt", erklärt K.'s Verteidiger Florian Schneider, sie seien deshalb gar nicht erst in der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft enthalten.
Aufsehen in der Leichtathletikszene
Die Verhaftung im vergangenen November sorgte auch in der hiesigen Leichtathletikszene für großes Aufsehen. Dort galt Ewald K. als akribischer und strenger Trainer, der einige Erfolge vorweisen konnte und dem darbenden Münchner Leichtathletikstandort auf die Sprünge helfen sollte. Der 100- und 200-Meter-Läufer Christian Blum wurde unter K. zum schnellsten Deutschen über 100 Meter, andere Athleten zogen eigens nach München, um sich K.'s hochkarätiger Trainingsgruppe anschließen zu können.
Einige seiner Topathleten erklärten nach der Festnahme ihres Trainers, sie seien nie Opfer von Übergriffen gewesen. "Ich kann diese Vorwürfe aus meiner persönlichen Erfahrung nicht bestätigen", sagte damals etwa der Hürdenläufer Jan Schindzielorz.
"Es ist einer der seltenen Fälle, in denen in all den Jahren keiner je Anzeige erstattet hat", sagt Verteidiger Schneider. Erst durch den Erpressungsversuch im vergangenen Jahr kam die Angelegenheit ans Licht - die Übergriffe K.'s auf den Erpresser sind übrigens ebenfalls verjährt und werden deshalb nicht zur Anklage kommen. Seit seiner Festnahme im November 2008 sitzt Ewald K. in Untersuchungshaft. Das Landgericht hat für den Prozess zunächst zwei Verhandlungstage terminiert.
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(SZ vom 17.08.2009/af)
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Zitat:"Einige Fälle sind bereits verjährt", erklärt K.'s Verteidiger Florian Schneider, sie seien deshalb gar nicht erst in der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft enthalten."
Mord verjährt nicht. Dabei hat, im Falle von Mord, das Opfer seine Leiden hinter sich. Es muß nicht damit leben, das der Täter, dem es seine psychischen Leiden oder Schäden zu verdanken hat, frei herumläuft und somit weiterhin eine Gefahr für andere Kinder darstellt.
Das dem so ist, haben wir einer antiquierten Rechtsprechung zu verdanken, die psychischen Schäden nicht mit körperlichen Schäden zumindest gleichsetzt.