Sendling Haariges Picknick

Schaffen Kunst der anderen Art: Anna Rose (li.) und Janean Williams.

(Foto: Robert Haas)

Im Klohäuschen an der Großmarkthalle loten zwei amerikanische Künstlerinnen die Grenze zwischen Schönheit und Ekel aus. Mit Fragen nach dem Sinn des Ganzen rechnen sie fest

Von Jutta Czeguhn, Sendling

Wo einst Urinale angebracht waren, quillt dickes, schwarzes Kunsthaar lawinenartig aus der Wand und gleitet an den beigefarbenen Kacheln zu Boden. Auf diesem synthetischen Teppich sind Käsestücke, Kuchen und Würste drapiert. Dazwischen sieht man Ken-Puppen in Conchita-Wurst-Fummeln. Wohl eine Art Reminiszenz an Stehpinkler vergangener Tage. Das Tableau wäre unvollständig beschrieben, ohne das gelbe Plastikhuhn zu erwähnen, den Bierkrug, die Häkeldeckchen, den Porzellanschwan, die Saftpresse und die Pfauenfeder. Dies ist das Setting für das "Hair Picnic", zu dem bis 22. August die US-Amerikanerinnen Janean Williams und Anna Rose ins Klohäuschen an der Großmarkthalle laden. "It's going to get weird and hairy - es wird schräg und haarig", lautet ihre Warnung.

Ästhetische Erfahrung über den Weg des Abscheus, Provokation als Kunst-Strategie? Wer dieser Tage im winzigen Galerieraum vorbeischaut, trifft auf zwei Künstlerinnen, die ihre Arbeit sehr ernst nehmen, dabei aber auch endlos lustig sein können. "Gott, ist das eklig!" - natürlich gebe es derlei Kommentare zu ihrer Installation, sagt Janean Williams, 54, die Ruhigere des Duos. "Aber genau das gehört zum Spektrum der Reaktionen, an denen wir interessiert sind", ergänzt Anna Rose, 33. Auch auf die Gretchenfrage sind die beiden vorbereitet: "Soll das Kunst sein?"

Seit 2009 stellt sich das Klohäuschen mit seinen acht Quadratmetern ganz der Klärung dieser Frage. Und öffnet dabei neue Perspektiven. Anja Uhlig hat das alte Pissoir vor sechs Jahre angemietet. Man könnte sie deshalb als Betreiberin oder Kuratorin bezeichnen. Sie selbst hat die schöne Angewohnheit, vom Klohäuschen wie von einem Freund zu sprechen, dem sie nun auf seine alten Tage ein spannendes Leben mit immer neuen Bekanntschaften ermöglicht. Von den Gästen - den Künstlern - erwartet sie, dass sie mit diesem besonderen Ort in sinnliche Kommunikation treten. "Das Klohäuschen möchte berührt werden", sagt Uhlig und streicht zärtlich über die Glasbausteinwand vis-à-vis der Eingangstür. Eine unappetitliche Vorstellung für manche Besucher, erzählt sie lachend, "als hätte ich hier noch nie geputzt".

Für das Hair Picnic von Janean Williams und Anna Rose ist der Mini-Kunstraum an der Großmarkthalle wie geschaffen. Es geht ihnen mit dieser Installation darum, Grenzen menschlichen Empfindens auszuloten. "Solange Haare am Kopf sitzen, sind sie Ausdruck von Schönheit, Reichtum, Fetisch. Abgelöst vom Körper, bekommen sie sofort eine negative Qualität", erläutert Anna Rose, die aus Massachusetts stammt, aber in Florenz lebt und arbeitet. Nicht anders verhält es sich mit dem Essen. Wann kippt die Lust auf den Genuss von Schönheit, Berührung und Geschmack ins Dekadente, rutscht ab in den Ekel? Die Nahrungsmittel, die die Künstlerinnen auf dem Haarteppich auslegen, faulen. Es sei denn, sie werden von den Besuchern, Fliegen oder Ameisen verspeist. Schönheit, Verfall. Wem das bekannt vorkommt? "Wir zitieren mit dem Hair Picnic die Vanitas-Stillleben des Barock", sagt Janean Williams.

Damit sich im Klohäuschen die Memento-Mori-Schwere nicht festsetzt wie Urinstein, hat Williams ihre Ken-Figuren mitgebracht. Hübsch frech erinnern Barbies Partner an die Zeit , als das Pissoir noch ein öffentlicher Ort ganz privater männlicher Bedürfnisse war.

Hair picnic im Klohäuschen, Ecke Oberländer- und Thalkirchner Straße, Öffnungszeiten mit Janean Williams und Anna Rose, 17. August von 19 bis 21 Uhr, 18. August 17 bis 19 Uhr, 19. August 14 bis 16 Uhr, 20. August 17 bis 19 Uhr, 21. August 14 bis 16 Uhr und Finissage am 22. August, 10 Uhr.