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Selbstversuch Mit Kippa durch München

Terry Swartzberg trägt Kippa. Jeden Tag in der Öffentlichkeit - und bisher ohne besondere Vorkommnisse.

(Foto: Catherina Hess)
Von Jakob Wetzel

Die ersten Schritte im Freien fielen ihm schwer. Terry Swartzberg war nervös, er fühlte sich beobachtet. Wollte ihm nicht doch jemand etwas Böses? Fast alle seiner jüdischen Freunde hatten ihn gewarnt: Antisemiten würden ihn anrempeln, ihn bespucken, ihm die Kippa vom Kopf schlagen, hatten sie gesagt. Aber Swartzberg ließ sich nicht beirren. Er hatte genug von dem Versteckspiel, genug von dem Verdacht, dass man sich als Jude in der Öffentlichkeit fürchten müsse. Er wollte Gewissheit. Seit diesem Tag im Dezember 2012 trägt der gebürtige US-Amerikaner Kippa, offen und für jeden sichtbar, jeden Tag.

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Sein Bauchgefühl sei einfach optimistisch gewesen, sagt Swartzberg. Der Journalist und PR-Berater stammt aus Norwalk bei New York, aber er ist längst in München daheim - und er mischt sich ein in seiner Stadt, ob für die liberale jüdische Gemeinde Beth Shalom, die im Lehel eine Synagoge von Star-Architekt Daniel Libeskind bauen will, oder als Vorsitzender der Initiative "Stolpersteine für München", die erreichen will, dass die Gedenkplatten des Künstlers Gunter Demnig auch in München auf öffentlichem Grund verlegt werden dürfen. Swartzberg fühlt sich wohl in München - und doch, da waren Zweifel.

Die Kippa interessiert die meisten Menschen nicht

Also griff er zur Kippa. Es war ein Experiment mit offenem Ausgang, der 61-Jährige nennt es seinen "reality check": Würde er angefeindet werden? Dann hätte ihn sein Gefühl getäuscht, er hätte eine Lüge gelebt und würde das Land verlassen.

Eines von Swartzbergs Lieblingsmodellen: die Kippa mit den gestickten Häusern.

(Foto: Catherina Hess)

Und jetzt? Nach den Anschlägen von Paris, bei denen auch vier Kunden eines koscheren Supermarktes ermordet worden waren, klagten jüdische Münchner darüber, wie unsicher sie sich fühlten. Gastwirte und Ladenbesitzer erzählten von Drohanrufen, von zerkratzten Autos und davon, dass orthodoxe Juden ihre Kippot auf der Straße verstecken würden, um nicht als Juden erkannt zu werden. Jüdische Institutionen und die Polizei verschärften die Sicherheitsvorkehrungen. Der Anschlag von Kopenhagen hat die Sorgen noch vergrößert. Und Studien zufolge pflegt jeder fünfte Deutsche latent antisemitische Vorurteile. Terry Swartzberg kennt diese Angst, er spürte sie selbst. "Ich weiß auch, dass es hier Antisemitismus gibt", sagt er. Wenn etwa über die Politik Israels diskutiert werde, da sei der Weg zu Ressentiments gegen Juden nicht weit. Aber müsse man deshalb in Angst leben?

Swartzberg ließ es darauf ankommen. Er lief mit seiner Kippa durch das Münchner Bahnhofsviertel, er war am Hasenbergl unterwegs, in Milbertshofen und Neuperlach. Er war mit seiner Kippa auch in der Sächsischen Schweiz und in Neukölln in Berlin, obwohl ihn seine Freunde davor gewarnt hatten. Er suchte nicht den Konflikt, aber er versuchte auch nicht, eine Gegend bewusst zu meiden. Und passiert ist, bei allen Befürchtungen - gar nichts.

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Wie bleibt die Kippa eigentlich auf dem Kopf?

Die meisten Menschen habe seine Kippa gar nicht interessiert, sagt Swartzberg. "Und wenn ich mal mit einem Deutschen über meine Kippa spreche, dann kommt immer nur dieselbe Frage: Wie bleibt die eigentlich auf dem Kopf?" Typisch deutsch, findet er: Die Menschen interessierten sich weniger für seinen Glauben als für seine Technik.

Wegen seiner Kippa angepöbelt oder auch nur schief angesehen habe ihn dagegen niemand, im Gegenteil. Gerade schreibt Swartzberg an einem Buch darüber, was er alles erlebt hat. Über seine erste Begegnung etwa: Zu Beginn ging er zum Gemüseladen um die Ecke, betrieben von bosnischen Muslimen. "Ich liebe meine Gemüseleute", sagt er. Trotzdem: Als er den Laden betrat, machte er sich auf alles gefasst. Der Verkäufer aber sagte nur: "Unsere Hüte sind größer." Und er fügte hinzu: Die würden auf einem kahlen Kopf wie dem von Swartzberg auch besser halten.

Juden müssen sich nicht fürchten

In den folgenden Monaten gehörte es zu den besten Momenten, wenn ihm ein Passant einen schönen Sabbat wünschte. Zu den schlimmsten zählt er, dass er mit seiner Kippa am Winter-Tollwood einmal eine ungenießbare Falafel erhielt. Er witterte Antisemitismus, gab aber dem Verkäufer eine zweite Chance. Beim nächsten Mal waren die frittierten Bällchen lecker.

Bunt hat er ebenfalls in seinem Repertoire.

(Foto: Catherina Hess)

Offenem Antisemitismus sei er in München nie begegnet, sagt Swartzberg. Anders als in seiner Jugend. In den Fünfzigerjahren habe es in den USA Ortschaften gegeben, deren Einwohner stolz darauf waren, dass ihr Ort "judenfrei" sei, erzählt er. In der Schule habe ihn mehrmals ein Mitschüler angegriffen, der ihn "Kike" nannte, ein Schmähwort für Juden. Und als er mit seinen Eltern nach Indien gezogen sei, hätten ihm Mitschüler, Hindus und Muslime, sofort deutlich gemacht, dass er ihr Feind sei.

Die gedeckte, dunkle Kippa trägt er zu besonderen Anlässen.

(Foto: Catherina Hess)

Bunte Kippot - für jede Stimmungslage

Heute nimmt Swartzberg es locker. "Das ist meine Gute-Laune-Kippa", sagt er und zieht eine orange-rote Haube aus der obersten Schublade einer Kommode. Es geht bunt weiter: Da ist eine Kippa mit Bananen und eine mit Seepferdchen. Die schwarze trägt er zu Beerdigungen, eine andere sieht aus wie ein schwarz-weißer Fußball, "meine FC-Bayern-Kippa" nennt sie Swartzberg. Er hat sogar eine Kippa mit dem Logo der Los Angeles Dodgers, einer Baseball-Mannschaft, die er eigentlich gar nicht leiden kann, er stammt ja von der Ostküste. Meistens setzt er eine auf, die am Rand mit Häusern bestickt ist.

Swartzberg lebt seit den Achtzigerjahren in Deutschland, zunächst zog er nach Berlin. Anfangs habe er auch hier gefühlt, dass er sein Jüdischsein besser nicht zeigen sollte, sagt er. Aber das sei vorbei. Ausländerhass sei zwar nach wie vor ein großes Problem. Aber Juden müssten sich nicht fürchten, das zeige ja sein "reality check". Das Experiment hat Swartzberg inzwischen beendet. Kippa aber trägt er immer noch. Er wolle seinen Glauben nicht mehr verstecken, sagt er. Seit er Kippa trage, fühle er sich frei.

Und doch ist er unzufrieden - eben weil sich niemand für seine Kippa interessiere, auch die Münchner Juden nicht, sagt er. "Ich habe gedacht, ich trage Kippa, und wenn die anderen sehen, dass nichts passiert, dann trauen sie sich auch!" Aber keiner habe mitgemacht. "Alle wollen an diesem Grundbild festhalten, dass Deutschland antisemitisch ist." Es wurmt ihn. Gerade plant er, Kippot mit Sprüchen wie "Ich liebe Deutschland" zu bedrucken und kostenlos zu verteilen. Wer eine der Hauben haben wolle, müsse nur versprechen, sie auch öffentlich zu tragen.

Die Deutschen interessieren sich mehr für die Technik - wie die Kippa auf dem Kopf hält -, als für den Glauben, den sie symbolisiert, sagt Swartzberg.

(Foto: Catherina Hess)

Swartzberg will mehr Kippot in der Öffentlichkeit sehen

Aber die Skepsis ist groß; Swartzbergs Optimismus hat kaum jemanden angesteckt. Warum ihm nichts passiert sei, darüber habe er schon viel gehört, sagt er: Weil er zu harmlos-großväterlich wirke, zu sportlich, nicht jüdisch genug, oder gerade zu jüdisch, da wage sich niemand an ihn heran. Die Kippa sei so bunt, dass sie keiner als Kippa erkenne. Oder er trage sie so weit hinten auf dem kahlen Kopf, dass man sie von vorne nicht sehen könne. Aber für ihn sind das Ausflüchte. "Die einfache Antwort ist: Deutschland ist kein antisemitisches Land! Wenn Deutsche Gefühle für Juden haben, sind es meistens positive."

Und die andere Antwort? Warum die Kippa oben bleibt, auf dem Kopf? "Nun, wegen der Schwerkraft", sagt Swartzberg. Dann korrigiert er sich: "Inzwischen antworte ich meistens: Der Glaube hält sie auf dem Kopf fest. Dann freuen sich die Leute." Die Wahrheit aber ist eine andere. Denn die Kippa bleibt gar nicht immer auf dem Kopf. Es kommt vor, dass eine Kopfbewegung sie ins Rutschen bringt. Manchmal passiert es auch, dass sie ein Windstoß herunterweht. Aber dann bückt sich Terry Swartzberg und setzt sie wieder auf.

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