Scooter in München Relikt aus der Techno-Steinzeit bittet zum Tanz

Seit fast zwei Jahrzehnten machen Scooter den immer selben Sound und füllen damit riesige Hallen. Neuerdings gelten ihre Nonsensparolen sogar als Hochkultur. Doch wirklich Stimmung kommt bei ihrem Konzert im Münchner Zenith erst beim Klassiker "Hyper Hyper" auf.

Von Anna Fischhaber

"Hüper Hüper" hat der Mann auf sein neongelbes T-Shirt geschrieben. Wie viele hier ist er nicht mehr ganz jung, wie viele hier will er sich offenbar wieder so fühlen. Doch es dauert fast zwei Stunden und gefühlte Millionen "Yeah", bis der wasserstoffblonde Mann mit den schwarz geschminkten Augen auf der Bühne die erlösenden Worte brüllt. Und das obwohl "Hüper Hüper" doch gerade zur Hochkultur erklärt wurde.

In München kann Scooter das Zenith nicht ganz füllen. Sind die Zeiten des Techno einfach schon vorbei? (Foto: Auftaktkonzert der "The Big Mash Up Tour 2012" in Hamburg)

(Foto: dpa)

Scooter sind das wohl einzige Techno-Relikt der Neunziger, das es bis ins 21. Jahrhundert geschafft hat und 2012 noch immer Hallen wie das Zenith füllt. Na gut, ausverkauft ist das Konzert in München an diesem Mittwochabend nicht, aber ein paar Tausende sind gekommen, um zu sehen wie der Frontmann mit dem fantastischen Namen H.P. (gesprochen: Äitsch Pi, ein Spitzname aus der Schulzeit) Baxxter, inzwischen 46, der Menge einheizt.

Der Techno-Szene ist auf den ersten Blick kaum jemand der fast ausschließlich männlichen Fans zuzuordnen. Einige wenige haben Leuchtarmbänder oder neonfarbene Warnwesten an, in der Mehrheit dominieren allerdings Jeans, Brille und Wollpulli. Die meisten hier sind mit Scooter groß geworden und wollen noch einmal die Hits aus ihrer Jugend hören. Kultsongs hatten Scooter, die deutsche Band mit den meisten Top-Ten-Singles, einige. Aber es dauert bis zur Zugabe, bis H.P. endlich "Hyper Hyper" brüllt. "Hyper Hyper" wiederholt der Mann mit dem neongelben T-Shirt jetzt und reißt seine Arme doch noch ekstatisch in die Luft.

Scooter sind gekommen, um ihr neues Album zu präsentieren. Das heißt "The Big Mash Up" und klingt in etwa so wie das Album davor und das Album davor: Hämmernde Beats, eine überdrehte Frauenstimme, die den Refrain singt und auf der Bühne nicht in Erscheinung tritt, dazu der eingängige Sprechgesang von H.P. Aber eben nur in etwa. Was fehlt, ist der Kult, den man mit Songs wie "Hyper Hyper" verbindet. Da hilft selbst die Leandros nicht.

Der Abend fängt bombastisch an

Um sich nicht nach fast zwei Jahrzehnten zu langweilen, variieren Scooter ihre Songs, frischen sie mit neuen Sounds auf, wie H.P. das nennt. An diesem Abend spielen sie etwa das neue "C'est bleu" mit Vicky Leandros. Das klingt dann so: H.P. brüllt: "Let's go" und die Leandros jault vom Band "Doux, doux, l'amour est doux". Ein Song mit Ballermann-Potential, der in München aber seine Wirkung verfehlt.

Dabei fängt der Abend so bombastisch an. Ein ohrenbetäubender Knall ist zu hören und die Bühne steht in Flammen. Auf einem Vorhang erscheint das überlebensgroße Gesicht von H.P., das Publikum ist in grelles, grünes Laserlicht getaucht, vier Tänzerinnen, bis auf ihre knappen roten Bikinis nackt, bewegen sich rhythmisch zu den Beats. Scooter wissen, wie man gute Shows macht, Erfahrung haben sie schließlich genug. "Yeah, Yeah" brüllt der Frontmann. "Are you ready for the big mission?" "Yeah, Yeah" antwortet das Publikum und beginnt zu hüpfen.

Als Gesang kann man das nicht wirklich bezeichnen, was H.P. auf der Bühne macht. Aber als Einheizer hat er Talent, das muss man ihm lassen. Wer sonst tauscht so viele Urlaute mit dem Publikum und wird dabei einfach nicht heiser? Wer sonst merkt sich so viel sinnfreien Text, bei dem eine Zeile mit der nächsten absolut nichts zu tun hat? Wer sonst mischt Opernmusik mit Nasenbluten-Techno und tanzt mit 46 noch zu beidem? Selbst dass H.P. nur Englisch mit den Zuschauern spricht, wirkt sympathisch. Die Fans zumindest lieben ihn dafür.

"München, Ihr seid zu leise!"

Doch die anfängliche Begeisterung des Publikums hält nicht lange. Ein neuer Song folgt dem anderen und die scheint niemand hier so recht zu kennen. "München, ihr seid zu leise", brüllt H.P. jetzt ausnahmsweise auf Deutsch. Immer wieder verschwindet er nun von der Bühne, immer wieder sind nun etwas zähe Instrumentals zu hören. Der Beat ist genauso wummernd wie immer beim Scooter-Sound. Nur: Ohne H.P. funktioniert der Scooter-Sound einfach nicht.

Dabei lief es in letzter Zeit so gut für die Band: Mussten sich Scooter anfangs für ihre tumben Nonsens-Parolen anfeinden lassen, erkannten nach fast 20 Jahren endlich auch Kritiker die Band als Phänomen an. Auf dem Kremser Donaufestival rezitierte die anerkannte Schauspielerin Irm Hermann die deutsche Version von "Hyper Hyper": "Die technologische Musik bekommt, was sie braucht. Springt alle hoch und nieder. Hüper hüper".

Als Scooter unlängst in der für einen Grimme-Preis nominierten ZDF-Sendung "Konspirative Küchenkonzerte" spielten, war die Begeisterung groß. Und H.P. durfte nun überall erzählen, niemand habe den Dadaismus hinter Zeilen wie "How Much Is The Fish" verstanden. Das Durchhalten schien sich also endlich gelohnt zu haben.

Doch auch die Fans in München müssen an diesem Mittwochabend durchhalten, bis der Abend mit Scooter endlich doch noch an Fahrt gewinnt. Vielleicht sind die Hochzeiten des Techno einfach doch zu lange her. "Hüper, hüper" ruft der Mann mit dem neongelben T-Shirt nach der Zugabe mit den alten Hits halb versöhnt und deutet stolz auf sein selbstgemaltes Fan-Accessoire. Um ihn herum gehen noch mal die Hände nach oben, Erinnerungsfotos werden gemacht. "War trotzdem geil", sagt jemand. Dann ist noch einmal ein ohrenbetäubender Knall zu hören und das Konzert im Zenith ist genauso plötzlich vorbei, wie es begonnen hat.