Scientology München - ein Schwerpunkt der Scientologen in Deutschland

München, 7.3.2017 / Foto: Robert Haas Schmuckfoto Haus der Kunst

(Foto: Robert Haas)

Die Liste der Auseinandersetzungen zwischen Sekte und Behörden ist lang - vom Kindergarten bis zur Psychiatrieausstellung.

Von Jakob Wetzel

Die Querelen ums Haus der Kunst sind nicht der erste Konflikt um Scientology in München; der jüngste Fall liegt erst wenige Monate zurück. Im August 2016 wiesen zwei CSU-Stadträte aufgeschreckt darauf hin, dass ein Oberföhringer Nachhilfe-Institut von zwei Scientologen betrieben würde. Die Einrichtung erhalte für ihre Arbeit offenbar Geld vom Sozialreferat, schrieben sie - obwohl man nicht ausschließen könne, dass die Kinder dort der Ideologie der vom Verfassungsschutz beobachteten Organisation ausgesetzt würden.

Kurz darauf stießen die Politiker auf weitere Scientologen, die sich als Nachhilfelehrer um Jugendliche kümmerten und noch kümmern. Doch der Hinweis verhallte. Die Stadt antwortete nur, die Auswahl eines Nachhilfelehrers sei Sache der Eltern.

Dabei sind gerade Nachhilfe-Angebote laut Verfassungsschutz eine der beliebtesten Werbestrategien von Scientology. Die Organisation selbst weist dies als "eines von vielen falschen Gerüchten des Verfassungsschutzes" zurück: Die Behörde beobachte sie ohnehin nur auf der Grundlage von aus dem Zusammenhang gerissenen und veralteten Äußerungen des Gründers, des US-amerikanischen Science-Fiction-Autors Lafayette Ron Hubbard.

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Laut dem Verfassungsschutz dagegen strebt Scientology ein "totalitäres Herrschaftssystem" an und wendet sich bewusst an Jugendliche, um die eigenen Ideen weiterzugeben und zudem scheinbar unverfängliche Kontakte zu den Eltern aufzubauen. München gilt seit 1970, als in Harlaching die erste "Scientology Kirche Deutschland" entstand, als ein Schwerpunkt von Scientology in Deutschland.

Die Struktur der Organisation ist komplex. Abgesehen von "Kirchen", "Missionen" und "Celebrity Centers" tritt Scientology durch den Firmenverband "World Institute of Scientology Enterprises" (WISE) in Erscheinung, der laut Verfassungsschutz das Ziel verfolgt, die Wirtschaft zu unterwandern. Mit der "Association for Better Living and Education" (ABLE) gibt es eine vergleichbare Initiative im sozialen Bereich; gerade hier existieren ferner verschiedene Gruppen, bei denen nicht immer klar ersichtlich ist, dass Scientologen die Zügel in der Hand halten; der Verfassungsschutz spricht von "Tarnorganisationen".

Dazu gehören zum Beispiel die Vereine "Jugend für Menschenrechte" und "Sag Nein zu Drogen - Sag Ja zum Leben" sowie die "Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte", die im Frühjahr 2016 eine Ausstellung an der Münchner Zweibrückenstraße organisiert hat. Ein CSU-Stadtrat empörte sich damals, dass vor den Ausstellungsräumen, in der Nähe von Schulen, Handzettel verteilt würden. Die Stadt entgegnete, sie habe rechtlich keine Handhabe, das zu unterbinden.

Um Veranstaltungen und Initiativen von Scientology gab es in den vergangenen Jahrzehnten in München immer wieder Konflikte; sei es wie hier wegen Straßenwerbung, wegen ungefragt in Briefkästen geworfener Flugblätter, wegen Scientologen, die etwa als Künstler in Theatern auftraten oder Konzerte gaben, oder auch, weil Scientology-Mitglieder versuchten, in der Jugendarbeit Fuß zu fassen.

1989 zum Beispiel wollte ein mit Scientology in Verbindung stehender Verein eine private Grundschule gründen, in der Kinder nicht wie ihmzufolge in staatlichen Regelschulen im Sinne christlicher Werte, sondern nach dem "pädagogischem Konzept nach Hubbard" erzogen werden sollten. Die Regierung von Oberbayern stellte sich jedoch quer: Der Verein habe kein besonderes pädagogisches Interesse nachgewiesen, argumentierte die Behörde und lehnte das Vorhaben ab. Der Verein klagte sich daraufhin durch alle Instanzen und unterlag letztlich 1992 vor dem Bundesverwaltungsgericht.

Ganz ähnlich mutet an, was 2008 in Sendling geschah: Die Stadt München entzog hier einem Kindergarten die Betriebserlaubnis, nachdem sie erfahren hatte, dass sowohl der Trägerverein als auch die Betreuungsstätte selbst von Scientologen geführt wurden. Vor dem Bayerischen Verwaltungsgerichtshof hatte diese Entscheidung Bestand. Die Richter argumentierten in einem Eilverfahren mit dem Kindeswohl: Es gehe nicht darum, dass Scientologen grundsätzlich keine Kindertagesstätten leiten dürften, sondern darum, eine Erziehung zu einem durch "totalitäre Unterwerfung" gekennzeichneten und auf die Abschaffung tragender Grundrechte zielenden System zu unterbinden.

Scientology in München ging allerdings keineswegs immer als Verlierer aus dem Gerichtssaal. Jahrelang etwa stritt sich die Organisation mit der Stadt München um den Status eines eingetragenen Vereins. Das Kreisverwaltungsreferat hatte dem Münchner "Celebrity Center" diesen 1995 wegen dessen kommerzieller Aktivitäten entzogen. Scientology aber setzte sich letztlich 2005 vor dem Bayerischen Verwaltungsgerichtshof durch.

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