Schwabing Suche nach echtem Leben

Die Kreuzung Lyonel-Feininger-/Anni-Albers-Straße soll zur neuen Mitte der Parkstadt Schwabing werden und für urbanen Flair sorgen. Für die Anwohner ist das nach wie vor der falsche Platz

Von Stefan Mühleisen, Schwabing

In der Wahrnehmung der Münchner Bürgerschaft gilt die Parkstadt Schwabing als nicht sonderlich angenehmer Ort zum Wohnen. Das Stadtquartier, auf einer einstigen Industriebrache hochgezogen, gilt als reine Gewerbe-Kleinstadt, in der Technologie-Konzerne in gläsernen Türmen residieren. Eingebettet in dieses 40 Hektar große Areal wohnen dort gemäß einer Erhebung des Sozialreferates 2240 Menschen; zählt man die angrenzenden Blöcke zwischen Otl-Aicher-Straße und Domagkstraße dazu, sind es knapp 3500. Unter ihnen viele Familien, die dort gerne leben - aber das Urbane vermissen.

Und so deckt sich deren Sicht auf die Parkstadt mit dem allgemeinen Empfinden: Was fehlt zwischen den Komplexen von Amazon, Microsoft oder Osram, sind Läden, ein Café, einen zentraler Platz. Doch das soll sich nun ändern.

Das letzte Zehntel der ursprünglichen Fläche, 3,8 Hektar verteilt auf vier brachliegende Baufelder, soll nun vom Münchner Immobilienunternehmer Helmut Röschinger und seiner Firma Argenta bebaut werden. Und als krönenden, finalen Mosaikstein soll eine "neue Mitte" dem urbanen Flair den Boden bereiten, wie Architekten und Stadtplaner nun im Bezirksausschuss Schwabing-Freimann bekräftigten. Allerdings: Die Bewohner sind offenbar von den Plänen wahrlich nicht begeistert. "Viele Leute sagen, da werden wir nicht hingehen", gibt beispielsweise die Leiterin des Nachbarschaftstreffs, Gerlinde Gottlieb, die kritischen Kommentare vieler Anwohner wieder.

Verdienen oder leben: Zwischen den Bürotürmen der Parkstadt Schwabing fehlt das Urbane.

(Foto: Florian Peljak)

Der Architekten-Wettbewerb ist unterdessen längst abgeschlossen; den Siegerentwurf erstellte das Münchner Büro Hilmer Sattler Architekten Ahlers Albrecht mit Mahl Gebhard Konzepte. 900 Wohnungen sollen nördlich und südlich der Anni- Albers-Straße sowie östlich des zentralen Parks an der Lyonel-Feininger-Straße entstehen. Das Bebauungsplanverfahren dürfte noch ein Jahr dauern, dann können die Bauarbeiten beginnen.

Die Baukörper an der Anni-Albers- Straße sind durch Vor- und Rücksprünge gegliedert sowie teils durch Dachgärten verbunden. Die Häuser sind auf bis zu 15 Geschosse angelegt, wobei einer dieser Hochpunkte den dominierenden Faktor des neuen Quartier-Mittelpunktes bilden soll: In einen 50 Meter hohen Turm an der Ecke Lyonel-Feininger-Straße/Anni- Albers-Straße zieht ein "Motel One" mit zweigeschossigen Arcaden im Erdgeschoss ein, wodurch eine "städtische Prägung des Platzes entstehen" soll, wie in einem Projektdossier ausgeführt wird. Im Umfeld soll es Läden und Restaurants geben - sie "tragen mit dem Hotel zur Urbanität des Ortes bei", heißt es in dem Papier.

Schon vor zwei Jahren hatte Argenta-Chef Röschinger diese Straßenkreuzung als "neue Mitte der Parkstadt" ausgegeben - sichtlich bemüht darum, den Bewohnern seiner Büro-City endlich eine lebenswerte Piazza zu geben. Der Unternehmer zeigte dabei zuletzt große Sympathie für eine Initiative des Bezirksausschusses: Das Gremium hatte ein Verkehrsplanungsbüro beauftragt, ein Konzept für den Wandel der schnöden Kreuzung zum Quartiers-Platz vorzulegen. Der unverbindliche Vorschlag an die Stadtplaner: Eine verschwenkte Straßenführung und eine durchgehende Pflaster-Fläche sollen zum Forums-Flair beitragen.

An der Kreuzung der Anni-Albers-Straße mit der Lyonel-Feininger-Straße soll nun das Städtische verwirklicht werden.

(Foto: David-Pierce Brill)

Die Bürger der Parkstadt sehen das aber weiterhin kritisch, wie Nachbarschaftstreff-Leiterin Gottlieb berichtet. "Der Platz ist an der falschen Stelle geplant", nennt sie den schlichten Grund, "er liegt am Rande der Wohnbebauung, dort, wo die Unternehmen sind." Und sie erinnert an einen Anwohner-Workshop im Nachbarschaftstreff, bei dem 40 Teilnehmer den besten Platz für die "neue Mitte" im Westteil der Parkstadt, an der Trambahnhaltestelle Anni-Albers-Straße, verortet hatten. Die Bürgerschaft hatte diese alternative Wunsch-Mitte Stadt und Investor bereits im März 2015 nahegelegt. Bei einer Veranstaltung in den Highlight-Towers warb ein Workshop-Team für einen attraktiven Platz an dieser Stelle - mit Straßenschach, Eisdiele, Biergarten. Das, so betonte eine Anwohnerin, "würde uns Identität geben".

Apropos Identität: Die hatten sich die Planer vor allem von dem zentralen Park versprochen, der sich auch im Namen des Viertels wiederfindet. Der wird von den Parkstädtern aber von Beginn an eher als unwirtliches Kunstwerk, denn als einladender Erholungsraum empfunden. Bei der Sitzung der Schwabinger Politiker stellte nun ein Vertreter des Planungsreferates den lange erwarteten Bürger-Workshop zur Neugestaltung des Parks im Herbst in Aussicht.