Schulstreik Sozialkunde live

Für viele ist es die erste Demo: Stress im G8, im letzten G9-Jahrgang und zu wenig Bücher - Münchens Schüler ziehen durch Schwabing und Spaenle zeigt sich dialogbereit.

Von Philipp Crone

Etwa zweitausend Demonstranten, die allermeisten Schüler, haben am Mittwochmorgen auf dem Geschwister-Scholl-Platz gegen Missstände im Bildungswesen demonstriert. Sie forderten mehr Lehrer für die Schulen, kleinere Klassen und eine bessere technische Ausstattung.

(Foto: Foto: ddp)

Trotz der von vielen Schulen vorab angedrohten Verweise zogen die Teilnehmer durch Schwabing bis zum Wittelsbacherplatz in der Nähe des Kultusministeriums.

Die Wirkung der Protest-Veranstaltung am Mittwochmorgen ließ nicht lange auf sich warten. Genau eineinhalb Stunden dauerte es, bis sich der neue bayerische Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) entschloss, mittags auf dem Wittelsbacherplatz, dem Ziel des Demonstrationszuges, mit einigen Teilnehmern zu sprechen. Die hatten bis dahin genug Zeit, sich ihre Fragen zu überlegen.

Bereits um neun Uhr hatten sich hunderte Schüler auf dem Geschwister-Scholl-Platz vor der Universität im strömenden Regen versammelt.

Wenn bei uns einer durchfällt, steht er auf der Straße

Zum Beispiel Laura, die mit einigen Mitschülerinnen da ist. Sie ist in der elften Klasse und gehört zum letzten G9-Jahrgang. "Wenn bei uns einer durchfällt, steht er auf der Straße", sagt sie. Für fast alle ist es die erste Demo. Viele beschäftigt die im Vorfeld von einigen Schulen angedrohten Verweise für Teilnehmer des Streiks. Zum Beispiel Sebastian aus dem Gymnasium in Kirchheim. Er nimmt die Strafe aber in Kauf.

Der 15-Jährige gehört zum ersten G8-Jahrgang und hat kaum mehr Zeit für Hobbys. "Ich komme meist erst um 16 Uhr nach Hause und muss dann noch zwei Stunden Hausaufgaben machen", sagt er. Mitschüler Maximilian erzählt, dass die Mathematik-Bücher erst vor zwei Wochen eingetroffen seien und manch anderes neues G8-Lehrbuch bis heute nicht da sei. Ein Mann neben der Gruppe hört aufmerksam zu.

Der 47-Jährige hat eine Tochter auf dem Gymnasium. "Der Aufwand ist für ein normal begabtes Kind nicht mehr machbar", sagt er. Selbst die Lehrer schüttelten nur noch den Kopf.

Eine Berufschullehrerin tut das auch, und zwar über die angedrohten Verweise. "Warum kann man den Streik nicht einfach als Sozialkundeunterricht live betrachten?" Der bildungspolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Hans-Ulrich Pfaffmann, sagt: "Ich glaube, dass dieser Protest mittelfristig Wirkung zeigen wird."

Gegen halb elf ziehen die nun schon mehr als 2000 Demonstranten auf der Leopoldstraße in Richtung Münchner Freiheit. Immer wieder rufen sie: "Bildung für alle, und zwar umsonst!" Auf einem Transparent heißt es: "Eine marode Bank müsste man sein." Ein Plakat fordert: "Reiche Eltern für alle!"

Reduzierter Lehrplan

Während die Demonstration durch Schwabing zieht, trifft Kultusminister Spaenle etwa einhundert Schüler auf dem Wittelsbacherplatz im strömenden Regen. Sie sprechen über mehr Lehrstellen und den Abbau großer Klassen. Ein Schüler des letzten G9-Jahrgangs sorgt sich, ob er das Abitur wiederholen kann, falls er durchfällt. Einer aus dem ersten G8-Jahrgang fragt nach dem Stoff für das Abitur.

Die Grundlage sei der reduzierte Lehrplan vom April, der im September in Kraft getreten ist, erklärt der Minister. Er wolle genau beobachten, ob sich der Lehrplan realisieren lässt. Und vom Ministerium gebe es keine Anweisung, Verweise für die Demonstranten zu verteilen. Das sollen die Schulen selbst entscheiden. Im Giselagymnasium wird es laut Direktorin Marianne Achatz Nacharbeiten geben. Im Luisengymnasium werden die verpassten Stunden nachgeholt, sagt Schulleiter Peter Kemmer.

Demonstrantin Laura ist am Ende aber sehr zufrieden. "An jeder Schule, an der wir vorbeikamen, haben sich Schüler angeschlossen. Ich glaube, dass wir viele wachgerüttelt haben."