Schulen in München Klassenziel verfehlt

Viele Schulen sind sanierungsbedürftig - oder nur ein Provisorium. Weiter unten im Artikel sehen Sie diese Beispiele in Großaufnahme.

(Foto: Robert Haas, Alessandra Schellnegger)

Bis vor kurzem brüstete die Stadt sich gerne mit ihrer groß angelegten Schulbauoffensive. Doch nun zeigen sich erhebliche Defizite des Vorhabens.

Von Melanie Staudinger

Auf das Truderinger Gymnasium ist das Bildungsreferat heute noch stolz: So schnell wie diese Schule entstand, das sei schon einzigartig. Nur fünf Jahre habe es vom Antrag im Kultusministerium bis zur Eröffnung 2013 gebraucht. Sensationell, vor allem weil das Grundstück doch so schmal geschnitten war.

In Gaimersheim bei Ingolstadt können sie über diesen Jubel wohl nur müde lachen. Die oberbayerische Marktgemeinde entschloss sich fast zeitgleich, ein Gymnasium zu bauen - und sie beendete den Bau ganze drei Jahre früher. Beide Schulen sind für eine ähnliche Anzahl an Klassen ausgelegt, beide haben eine futuristische Architektur, die viel gelobt ist. Das Gymnasium nahe Ingolstadt aber kostete 27,5 Millionen Euro. München bezahlte 76 Millionen - am Grundstückspreis kann der mehr als doppelt so hohe Betrag nicht gelegen haben, das Areal gehörte der Stadt schon seit 30 Jahren.

Das Beispiel des Gymnasiums in Trudering zeigt eindrücklich das Problem der Stadt: Schulbauprojekte in München dauern in aller Regel länger als in anderen Kommunen. Und sie sind deutlich teurer. Zwar wachsen in der bayerischen Landeshauptstadt noch keine Bäume aus den Wänden im Klassenzimmer, wie es unlängst Fernsehbilder aus Berlin zeigten. Unter einem Sanierungsstau und enormen Platzmangel leiden die Schulen hier aber dennoch.

Sind Münchens Baustandards für Schulen zu hoch?

Wie groß der Sanierungsbedarf tatsächlich ist, wurde in den vergangenen Tagen deutlich. Statt 4,5 Milliarden Euro muss die Stadt geschätzt neun Milliarden Euro in ihre groß angekündigte Schulbauoffensive stecken, die bis 2030 angelegt ist. Diese Zahlen hat die Kämmerei überraschend präsentiert und damit nicht nur die Stadträte verunsichert - schließlich hatte das Bildungsreferat monatelang von der Hälfte gesprochen. Woher das Geld kommen soll, ist völlig unklar. Zumal im Rathaus ohnehin gerade ums Geld gerungen wird: Die Kämmerei muss den Haushaltsentwurf für nächstes Jahr noch einmal überarbeiten, weil Einnahmen und Ausgaben so weit auseinander klaffen, dass der Etat nicht mehr genehmigungsfähig wäre.

Angesichts dessen ist klar: Irgendwo wird die Stadt sparen oder Projekte schieben müssen. Michael Mattar, Fraktionschef von FDP, Hut und Piraten im Stadtrat, brachte in diesem Zusammenhang das Schulbauprogramm ins Spiel. Wenn es gelinge, auch nur zehn Prozent der Kosten nicht auszugeben, seien das immerhin etwa 900 Millionen Euro. Doch machen Stadtrat und Rathaus so weiter wie bisher, wird im Bildungsbereich kaum weniger als geplant ausgegeben. Die üblichen Baustandards der Schulen sind hoch, vielleicht zu hoch, wie der FDP-Stadtrat Mattar kürzlich anmerkte.

Tatsächlich investiert die Stadt mehr als sie müsste, weil sie die Anforderungen an ihre Schulen hoch definiert. Bewusst hat sich etwa der Stadtrat entschieden, die Klassenzimmer bei Realschulen und Gymnasien künftig deutlich größer zu bauen, als die bayerische Schulbauverordnung es vorsieht.

Für Innovationen und mehr Raum lässt die Stadt sich Zuschüsse entgehen

Das ist zwar bequemer für die Schüler, weil sie nicht auf wenigen Quadratmetern eingezwängt sind, und es ist erleichternd für die Lehrer, weil sie mehr Platz für verschiedene Unterrichtsformen haben. Die Stadt gibt damit aber Geld aus, das sie vom Freistaat nicht erstattet bekommt. Nach Angaben des Finanzministeriums werden Zuschüsse nur auf Grundlage der notwendigen Ausgaben berechnet. "Übersteigende Baukosten muss die Kommune selbst tragen", erklärt ein Sprecher. Das sei im kommunalen Finanzausgleich so geregelt.

Ein weiterer Punkt, an dem der Stadt Zuschüsse entgehen, ist das Lernhauskonzept, das Stadtschulrat Rainer Schweppe bei seinem Amtsantritt 2010 mitgebracht hat. Einen langen Flur, an dem sich Klassenzimmer aufreihen, soll es in den modernen Schulen nicht mehr geben. Stattdessen führte Schweppe "Marktplätze" ein, um die sich Räume zum Unterrichten, zum Üben und für die Lehrer gruppieren.

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In Trudering, der Musterschule dieses Konzepts, gibt es Rückzugsecken für Schüler oder ein Lehrercafé. Andere Schulen, gerade die älteren, haben nicht einmal eine Aula. Dass der neue Ansatz pädagogisch sinnvoll und dem Klima zuträglich ist, bestreitet niemand. Wenige Luxusschulen für viel Geld auf der einen und viele marode Bildungseinrichtungen mit Sanierungsbedarf auf der anderen Seite, das könne aber nicht sein, meinen Kritiker. Aus ihrer Sicht wäre es besser, den wachsenden Bedarf schneller zu decken, anstatt hohe Beträge in ein paar Vorzeigeprojekte zu pumpen.

So kann es nicht weitergehen, aber ob neue Methoden erfolgreich sind, ist offen.

Auch das Bildungsreferat hat erkannt, dass es nicht weitergehen kann wie bisher. Der Investitionsbedarf an Schulen wird eher steigen als sinken. München wächst. Bis zum Jahr 2030 wird die Einwohnerzahl von derzeit 1,5 Millionen Prognosen zufolge auf 1,723 Millionen zunehmen. Folglich werden mehr Schulen und Kindertagesstätten gebraucht.

Gleichzeitig steigen die Anforderungen an einen modernen Unterricht. Nicht mal mehr ein Drittel aller Grundschüler geht mittags nach Hause. Der Großteil bleibt länger in Schule oder Hort. Immer mehr Eltern wünschen sich eine Ganztagsbetreuung. Statt einem Klassenzimmer sind hier eineinhalb Räume vorgeschrieben. Zudem sollen Kinder und Jugendliche mit geistigen oder körperlichen Einschränkungen in den Unterricht integriert werden. Auch dazu sind mehr räumliche Kapazitäten nötig.

Neun Milliarden Euro

soll die groß angekündigte Schulbauoffensive in München nach derzeitiger Schätzung der Kämmerei kosten. Allerdings räumt deren Chef Ernst Wolowicz ein, dass auch diese Zahlen nicht präzise sind. Wie viel die Stadt tatsächlich in marode Schulen und neue Gebäude investieren muss, wird sich erst zeigen, wenn konkretere Pläne vorliegen.

Um schneller zu Potte zu kommen, hat das Bildungsreferat Standard-Raumprogramme entwickelt, die die Planung erleichtern sollen. Der Stadtrat stimmt mittlerweile über Projekte nicht mehr einzeln ab, sondern im Paket. Das strafft die Verwaltungstätigkeit. Damit die geplanten Schulhäuser eher zur Verfügung stehen, sollen sie, wenn möglich, in modularer Bauweise, also im Steckkastenprinzip, erschaffen werden. Das spart zugleich Kosten, etwa für Architektenleistungen, was der Branche wiederum nicht gefällt. Bisher sind die neuerlichen Anstrengungen noch zu jung, als dass sich ihr Erfolg schon bemessen ließe.

Stadtverwaltung und Kommunalpolitik werden in den kommenden Jahren auch am Erfolg der Schulbauoffensive gemessen werden. Wenn alles weiterläuft wie bisher, werden die Projekte bis 2030 aber nicht gestemmt - darin sind sich alle Beteiligten einig. Bislang sieht die Bilanz im Schulbereich eher mau aus: In den vergangenen zwei Jahrzehnten wurden in München lediglich gut ein Dutzend neue Grundschulen gebaut und vielleicht 20 bestehende saniert. In den kommenden 15 Jahren stehen ganz andere Dimensionen an: 45 neue Schulen sollen entstehen und mindestens 60 Sanierungen sind geplant.

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