Schülerin gesteht Messerattacke auf den Ex-Freund

Er weigerte sich, sie zu heiraten, dann soll sie ihn niedergestochen haben: Eine 24-Jährige muss sich in München vor Gericht verantworten. Sie gesteht, schildert aber eine völlig andere Motivlage.

Von Christian Rost

Reinhold Baier versucht es auf die väterliche Art. Der Vorsitzende der Jugendkammer am Landgericht München I baut der 20-jährigen Angeklagten Brücken, damit sie sich überwinden und über die Messerattacke auf einen Freund sprechen kann. Warum sie zugestochen habe, wie sie heute zu der Tat stehe?, fragt der Richter.

Die 20-Jährige ist starr vor Angst, sie lässt Minuten verstreichen, ehe sie nur mit leiser Stimme herausbekommt, dass sie sich das alles nicht erklären könne und dass es ihr leid tue.

Die junge Türkin muss sich seit Montag wegen versuchten Mordes an einem 24-Jährigen vor Gericht verantworten. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die Schülerin ein Verhältnis mit zwei Landsmännern hatte und von beiden verlassen wurde, als alles herauskam. Die Schülerin versuchte dann laut Anklage einen der beiden zur Hochzeit zu zwingen, um "ihre Ehre wieder herzustellen".

Als der Betreffende nicht wollte, soll sie ihn bei einem Treffen am 25. Juni 2011 auf dem Parkdeck von Möbel Höffner in Freiham mit einem Messer niedergestochen haben, das sie zuvor in der Haushaltswarenabteilung des Geschäfts heimlich entwendet hatte. Die Messerattacke, bei der der 24-Jährige einen Stich am Hals bis hinein in den Brustkorb erlitt, gesteht die junge Frau. Sie schildert jedoch eine völlig andere Motivlage als die Anklage: Demnach habe der Türke sie zur Heirat drängen wollen.

Die Schülerin hatte nach ihrer Darstellung seit vier Jahren einen festen Freund, der ihr immer weniger Freiheit gelassen habe. Er habe nicht gewollt, dass sie sich mit Freundinnen treffe, und verlangt, dass sie ein Kopftuch trage. Über ihre Sorgen sprach sie mit einem Bekannten, der in der Türkei lebte und den sie über Facebook kennengelernt hatte.

Über Jahre hielt sie zu dem 24-Jährigen aus der Ferne Kontakt. Mit ihm verstand sie sich zwar gut, er sei aber nicht ihr Typ gewesen, wie sie bei einem Besuch in Istanbul herausfand: "Ich konnte mich gut mit ihm unterhalten, ich habe ihm aber nie schöne Augen gemacht." Der Mann indes wollte mehr und tauchte eine Woche vor der Messerattacke plötzlich in München auf. Er suchte den Freund der Schülerin zu einer Aussprache auf und warb heftig um die hübsche Frau. Wie sie berichtet, standen eines nachts beide Männer vor der Wohnung ihrer Eltern und brüllten herum, bis alle Nachbarn auf das peinliche Schauspiel aufmerksam wurden.

Was dann in ihr vorgegangen sei bei der geplanten Aussprache mit dem 24-Jährigen am Parkplatz des Möbelhauses?, fragt der Richter. War der Druck von allen Seiten zu viel für die Schülerin? "Er hielt mir sein iPhone hin. Ich sollte sagen, dass ich ihn heirate", erzählt die Angeklagte. "Den Satz wollte er als Beweis meiner Liebe auf dem Gerät aufnehmen. Ich wollte, dass das alles aufhört." Der Prozess wird fortgesetzt.