Von Christina Warta

Wenn es im Januar in München schneit: Die einen nennen es Blizzard, die anderen ein ganz normales Wetter.

Eine Taschenlampe solle man in den kommenden Tagen unbedingt zur Hand haben, schreibt eine große Boulevardzeitung. Denn: Es naht ein Schneesturm, ein heftiger "Blizzard" gar, wie die Zeitung ihre Leser warnt. Außerdem solle man vorsichtshalber einige Gefäße mit Wasser füllen, falls die Leitungen einfrieren, und ordentlich Lebensmittel auf Vorrat kaufen, um wohlgenährt zu bleiben, wenn am Ende auch der Weg zum Supermarkt unpassierbar ist. Und selbst das Bundesamt für Katastrophenhilfe empfiehlt, ein batteriebetriebenes Radio parat zu halten - falls die Stromversorgung zusammenbricht. Im Grunde muss der Mensch am Wochenende offenbar mit dem Allerschlimmsten rechnen: mit Neuschnee, Wind und der ein oder anderen vereisten Fahrbahn. Kurz: damit, dass der Winter kommt.

"Daisy" heißt das Tiefdruckgebiet, das derzeit das kalte Wetter bringt. (© Foto: dpa)

Anzeige

"Daisy" heißt das Tiefdruckgebiet, das derzeit jenes Wetter bringt, das sich die meisten Menschen noch zu Weihnachten so dringend gewünscht haben: verschneite Landschaften und Temperaturen unter null Grad, damit die weiße Pracht nicht auch gleich wieder dahinschmilzt. Vor allem in der Mitte Deutschlands könne es, so Volker Wünsche, Leiter der Münchner Niederlassung des Deutschen Wetterdienstes (DWD), bei starkem Wind und Schneefall tatsächlich zu erheblichen Verkehrsbeeinträchtigungen kommen.

Für München indes gilt: Alles wird halb so wild. "In der Nacht zum Samstag setzt wieder Schneefall ein", so Wünsche, bis zu zehn Zentimeter hoch könnten die Schneeflocken dann auf den Boden der Landeshauptstadt rieseln. "Aber es gibt wohl keine Verwehungen, weil der Wind im südbayerischen Raum nicht so stark ist."

Auch am Sonntag könne es ab und an noch ein bisschen schneien, sagt der Wetterexperte, der Wind blase schwach, die Temperaturen lägen tagsüber im leichten Frostbereich. "Das hat mit katastrophalen Stürmen nichts zu tun", sagt Wünsche, "es ist ja schließlich Winter, und da sind zehn Zentimeter Schnee in Bayern nichts Außergewöhnliches." Und der Blizzard? Vor Münchner Fenstern wird er wohl nicht tosen.

Ohnehin ist das Verhältnis des Stadtbewohners zum Winter ein gespaltenes. Eis auf dem Nymphenburger Kanal? Ja, bitte. Eis vor der Haustür oder als bedrohliche Zapfen an der Regenrinne? Nein, danke. Auch Schnee wird als dekoratives Element auf Bäumen oder Wiesen durchaus gewünscht - doch auf den Wegen im Englischen Garten möchte man schon flanieren können, ohne nasse Füße zu bekommen. Fast hundert Jahre ist es her, dass Ludwig Thoma schrieb: "Im Wald is' so staad, alle Weg' san vawaht, alle Weg' san vaschniebn, is koa Steigl net bliebn."

Was idyllisch klingt, würde den modernen Menschen im urbanen Alltag trotzdem wohl ziemlich hurtig auf die Barrikaden treiben. "Wir sind an so viele Annehmlichkeiten gewöhnt", sagt Volker Wünsche, "wenn dann mal ein Flugzeug nicht pünktlich startet, gilt das gleich als großes Chaos, dabei ist so etwas ja erwartbar."

Bei der S-Bahn jedenfalls hielten sich die Verspätungen in überschaubarem Rahmen, witterungsbedingte Verzögerungen habe es nicht gegeben, so ein Sprecher. In der Müllerstraße brach ein Tramgleis, "wie es im Winter immer wieder mal" vorkomme. Bei den Stadtwerken rüstete man sich am Freitag aber nicht für außergewöhnliche Wetterverhältnisse. "Wir haben einen Sicherheitsservice, der 24 Stunden im Einsatz ist", sagt Sprecher Christian Miehling. Der Bereich Versorgung sei vom Wetter ohnehin kaum tangiert: "Die Kabel sind unterirdisch verlegt." Anders beim Verkehr: "Wenn in einer Nacht 50 Zentimeter Schnee fallen, sind wir genau so betroffen wie andere", so Miehling. "Wir können ja nicht vorsorglich Schnee schippen."

Die Meteorologie hat es nicht leicht: Anders als in anderen Forschungsbereichen werden die Erkenntnisse der komplexen Wissenschaft täglich für Laien aufbereitet. "Mein Gefühl ist, dass ganz gewöhnliche Wetterprognosen als Katastrophenprognosen interpretiert werden", sagt Tobias Zinner vom Meteorologischen Institut der LMU, "dabei ist das Wetter zu 99 Prozent so, wie es immer ist."

Der Kunde erwarte vom Wetterbericht eine Entscheidungshilfe - etwa zur Frage, ob er morgen bei schönem Wetter Skilaufen gehen kann. "Doch die Vereinfachung von wissenschaftlich komplexen Vorhersagen birgt die Gefahr, falsch verstanden zu werden", so der Meteorologe. "Ehrlicher wäre es, prozentuale Wahrscheinlichkeiten anzugeben - aber die sind schwerer zu verstehen."

Leser empfehlen 

(SZ vom 09.01.2010/sonn)