Schluss mit dem Schweigen Es ist Zeit aufzustehen

"Wir dürfen nicht länger zulassen, dass Regierungen Fakten verdrehen, wie es ihnen passt", sagt der Mikrobiologe Randy Caldwell.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Randolph Caldwell organisiert den Münchner Science March am 22. April. An diesem Tag werden Menschen in mehr als 430 Städten weltweit für den Wert einer freien Wissenschaft demonstrieren

Von Martina Scherf

Randolph Caldwell wirkt besorgt. "Es ist höchste Zeit für einen Weckruf." sagt er. "Die Lage ist ernst. Wir dürfen nicht länger zulassen, dass Regierungen Fakten verdrehen, wie es ihnen passt." Der Biologe, 55, sitzt in einem Schwabinger Straßencafé, ringsherum Mütter mit Kinderwagen, lachende Schulkinder, die Frühlingssonne scheint, doch sie kann seine Miene nicht aufhellen. Jahrzehntelang stand Wissenschaft für Fortschritt und Wohlstand, sagt er, und jetzt kommen die Trumps, Orbans und Erdoğans und schlagen alles kaputt? Leugnen den Klimawandel, schließen Institute, verhängen Wissenschaftlern einen Maulkorb? "Es ist Zeit aufzustehen", sagt der Amerikaner. Deshalb organisiert er seit Wochen mit einigen Mitstreitern den Münchner Science March am 22. April. An diesem Tag werden Menschen in mehr als 430 Städten weltweit auf die Straßen gehen, um für den Wert einer freien Wissenschaft und einer faktenbasierten Politik einzustehen. "Science not silence", so lautet das Motto.

Randolph Caldwell lebt seit 20 Jahren in Deutschland. Seit 2003 arbeitet er im Münchner Helmholtz-Zentrum, er forscht dort an Zellstrukturen und wie man diese sichtbar machen kann. Spitzenforscher sind bei Helmholtz versammelt, Spezialisten auf ihrem jeweiligen Gebiet. Aber gerade Naturwissenschaftler wissen auch, dass es nicht reicht, sich auf einmal gewonnene Erkenntnisse zu verlassen. Dass man sie wieder und wieder prüfen muss, bevor man verlässliche Aussagen machen kann. So ein kritisches Denken und Hinterfragen scheint den Populisten zu kompliziert zu sein. Sie biegen sich die Wahrheiten zurecht, wie sie wollen. Schaffen alternative Fakten - oder machen Forscher mundtot.

Trump hat der nationalen Umweltbehörde untersagt, mit den Medien zu sprechen. Orban hat soeben gedroht, die amerikanische Soros-Universität in Budapest zu schließen, deren Lehre ihm nicht passt. Erdoğan entlässt Tausende Universitätsprofessoren - "und wir schauen bei all dem untätig zu", fragt Caldwell, "das darf nicht sein." Wenn es nicht eine Gegenöffentlichkeit gebe, "dann fallen wir ins Mittelalter zurück".

Schon jetzt glauben Umfragen zufolge 48 Prozent der US-Amerikaner nicht mehr an den Klimawandel. Die Masern wären längst ausgerottet, sagt Caldwell, würden nicht viele Menschen immer noch am Sinn von Impfungen zweifeln. Kreationisten, die negieren, dass der Mensch vom Affen abstammt, weil sie an die göttliche Schöpfung glauben, finden nicht nur in den USA großen Zulauf. Auch in Deutschland gibt es viele Anhänger. "Die Politik muss auf Fakten beruhen, es muss verlässliche Kriterien für politisches Handeln geben, das ist die Grundlage der Demokratie", sagt Caldwell. Deshalb unterstützt er den bundesweiten Science March. Sein Organisationsteam besteht aus Forschern der Münchner Hochschulen, der Max-Planck- und der Fraunhofer Gesellschaft. Alle zwei Wochen treffen sie sich bei Pizza und Bier.

Helmuth Trischler, Forschungsleiter am Deutschen Museum und Direktor des Rachel-Carson-Centers der Ludwig-Maximilians Universität München, wird auf der Kundgebung sprechen. "Wenn das Leugnen des Klimawandels mehrheitsfähig geworden ist und Fakten Alternativen bekommen, dann genügt es nicht mehr, wenn Wissenschaftler unter sich kommunizieren. Wir müssen als Experten öffentlich unsere Stimme erheben", sagt der Technikhistoriker. Caldwell hofft, noch weitere prominente Redner zu gewinnen. Ranga Yogeshwar, den Fernsehmoderator, hätte er gerne engagiert, aber der wird in Berlin sprechen.

Auf der deutschen Liste der Unterstützer haben die Vorsitzenden aller großen Wissenschaftsorganisationen unterschrieben, mehr als hundert Institutionen und Dutzende Forscher, darunter etliche Nobelpreisträger. "Auch den bayerischen Kultusminister Ludwig Spaenle konnten wir gewinnen", sagt Caldwell.

Nun hofft er auf großen Zulauf zur Demo. Mit 2000 bis 3000 Teilnehmern rechne er mindestens, es seien schon Zusagen auf Facebook bis vom Bodensee gekommen. "Es können alle Menschen mitgehen, die unsere Anliegen teilen." Dass in den USA die Organisatoren eines Twitter-Aufrufs innerhalb von 24 Stunden 124 000 Follower hatten, ermutigt ihn. Dort gab es auch schon die ersten Demonstrationen.

In Deutschland ist so etwas unüblich. Zwar haben schon vor 60 Jahren die Nobelpreisträger in ihrem Mainauer Manifest vor dem Atomkrieg gewarnt. Und vor zwei Jahren haben ihre Nachfolger auf der jährlichen Tagung in Lindau einen entschlossenen Kampf gegen den Klimawandel gefordert. Doch an den Universitäten hierzulande rührt sich wenig. Trump beunruhigt, aber noch scheinen die Umwälzungen weit weg zu sein. "Das ist ein Trugschluss", betont Caldwell. Deshalb liege der Fokus der Demonstrationen in Deutschland auch nicht auf Trump. "Das wäre viel zu kurz gedacht." Es gehe keineswegs um bestimmte Interessensgruppen, wie einige Kommentare im Internet andeuten. Da wollen sich manche nicht mit Feministinnen in eine Reihe stellen, andere fürchten Mitläufer aus politischen Gruppen. "Uns geht es nur um Wissenschaft", betont Caldwell noch einmal - aber die bewege sich nicht im luftleeren Raum. Gerade jetzt sei sichtbar, wie sehr sie von der Politik abhängig sei und manipuliert werde. "Und langsam begreifen immer mehr Leute, dass es nicht reicht, nur da zu sitzen und abzuwarten, was passiert", sagt Caldwell.

Am Vormittag war er noch einmal im Kreisverwaltungsreferat, um die behördliche Genehmigung für den Marsch zu bekommen. Er musste genau die Route erklären, die sie durch die Innenstadt gehen wollen, mit allen Eventualitäten, und vorrechnen, mit wie vielen Teilnehmern er rechne. "Hier gibt es für alles so viele Regeln", sagt der Amerikaner. Auch nach zwei Jahrzehnten in Deutschland findet er die Deutschen manchmal recht anstrengend.

Dass Caldwell ein politisch denkender Mensch ist, hat auch mit seiner Herkunft zu tun. Aufgewachsen ist er in Oak Ridge, Tennessee. Die Stadt erlangte zweifelhafte Berühmtheit, weil sie 1942 eigens für das Manhattan-Projekt gegründet wurde - mit dem Ziel, unter größter Geheimhaltung Atombomben zu bauen. In nur drei Jahren wurden 75 000 Menschen in der Region angesiedelt. "Die Bombe, die auf Hiroshima fiel, wurde bei uns gebaut", sagt Caldwell.

Noch heute ist seine Heimatstadt ein wichtiger Forschungsstandort in den USA für Energie, Umwelt, Nukleartechnik, Informatik, auch die NSA betreibt dort einen Supercomputer. Caldwell hat Mikrobiologie studiert und wurde am Oak Ridge National Laboratory, einem angesehenen Forschungsinstitut, promoviert. Militär, Politik und Wissenschaft waren an diesem Ort schon durch seine Geschichte enger verwoben als anderswo.

Caldwells Eltern haben sich zeitlebens für die Kampagnen der demokratischen Senatoren engagiert. "Ich bin damit aufgewachsen", erzählt der Amerikaner. Auch als er nach Deutschland ging, blieb er der Partei von Clinton und Obama treu. Er ist Mitglied bei "Democrats abroad", der im Ausland lebenden US-Demokraten. Trump konnte er nicht verhindern. Aber, sagt er noch einmal, es geht nicht nur um die USA. "Die Leute müssen aufwachen, weltweit. This is an emergency call." Ein Notruf.

Der Science March findet am 22. April weltweit statt. In München beginnt er um 10.30 Uhr mit einer Kundgebung am Stachus und zieht anschließend zum Siegestor, wo Teach-ins geplant sind.