Schavan im LMU-Hochschulrat Erste Professoren fordern offen Rücktritt

Ein Werk, das aus Sicht der Uni Düsseldorf unzureichend für einen Doktortitel ist: die 1980 erschienene Dissertation von Annette Schavan.

(Foto: Daniel Naupold/dpa)

"Wegducken, verleugnen, Verantwortung verschieben": Der Wirtschaftsprofessor Manuel René Theisen kritisiert den Umgang von LMU und Ministerium mit der Personalie Schavan. Die ersten Professoren verlangen nun öffentlich ihren Rücktritt.

Von Sebastian Krass

Der Wirtschaftsprofessor Manuel René Theisen hat es als Experte für saubere Unternehmensführung zu gewisser Prominenz gebracht. Er kritisierte die Aufsichtsräte des FC Bayern dafür, dass sie den geständigen Steuerhinterzieher Uli Hoeneß an der Spitze ihres Gremiums beließen. Auch als der ADAC-Skandal das Land bewegte, war seine Einschätzung gefragt. Theisen, Mitglied der Fakultät für Betriebswirtschaftslehre an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU), ist auch Autor des Buches "Wissenschaftliches Arbeiten", im vergangenen Jahr erschien die 16. Auflage.

Er versteht sich als Kämpfer für ehrliche Forschung. Als solcher war ihm die Berufung von Annette Schavan in den Hochschulrat seiner Universität von Anfang an ein Ärgernis. Nun greift Theisen in einer der SZ vorliegenden Stellungnahme Schavan und LMU-Präsident Bernd Huber in bislang beispielloser Weise an. Die Berufung sei vom "vollkommenen Mangel an Fingerspitzengefühl und intellektuellem Geschick" gekennzeichnet, schreibt Theisen - und zwar "auf beiden Seiten".

Der Senat der LMU hatte im September 2013 Hubers Vorschlag zugestimmt, Schavan in das Aufsichtsgremium der Uni aufzunehmen - obwohl die CDU-Bundestagsabgeordnete wegen des entzogenen Doktortitels als Bildungsministerin zurückgetreten war. Eine Plagiatorin im Hochschulrat? Das löste in der LMU eine Debatte über die womöglich gefährdete akademische Glaubwürdigkeit aus. Nachdem Schavan inzwischen mit einer Klage gegen den Titelentzug gescheitert ist, fordern nun selbst Mitglieder des Senats ihren Rücktritt.

Das diplomatische Geschick fehlt

In Bezug auf Schavans geplanten Wechsel als deutsche Botschafterin in den Vatikan erklärt Theisen: Hätte sie "auch nur im Ansatz" das dafür nötige diplomatische Geschick, dann hätte sie "niemals" den Posten im Hochschulrat annehmen dürfen. "Und die LMU unter Leitung und auf maßgebliches Betreiben von Herrn Kollegen Huber hätte niemals eine solche Diskussion zulassen dürfen." Mit Blick auf die Glaubwürdigkeit schreibt er: "Können sich Studierende noch ernst genommen fühlen, wenn sich die an der Unispitze Handelnden so verantwortungslos zeigen?"

Insofern treffe Schavan und Huber "der größte Teil der sich nun offensichtlich abzeichnenden, aber längst erwartbaren Blamage", schreibt Theisen und meint damit den aus seiner Sicht unumgänglichen Rücktritt Schavans nach nur einem halben Jahr. "Aber", ergänzt er, "auch im Hochschulrat und im Ministerium hätte man an irgendeiner Stelle das nötige Verantwortungsbewusstsein dringend erwarten dürfen, jedoch: Fehlanzeige." In Abstimmung mit der LMU hatte der damalige Wissenschaftsminister Wolfgang Heubisch (FDP) Schavan ernannt.

Sein Nachfolger Ludwig Spaenle (CSU) sagt bisher nur, er warte ab, was die LMU entscheide. Deren Präsident Huber erklärt, man wolle die Urteilsbegründung abwarten und das "vor einer endgültigen Bewertung" in den internen Gremien und mit dem Minister besprechen. Theisen beschreibt dieses Agieren so: "wegducken, verleugnen, Verantwortung verschieben, filibustern".

Die ersten Offiziellen kommen aus der Deckung

Nachdem Senatoren ihre Rücktrittsforderung bisher ohne Namensnennung artikuliert haben, schließt sich dem nun der erste Funktionsträger offiziell an. "Sie ist nicht mehr tragbar", sagt Axel Schenzle, Dekan der Physik-Fakultät und Mitglied der Erweiterten Hochschulleitung. "Man kann sie nicht zum Rücktritt zwingen. Aber es wäre anständig, wenn Frau Schavan jetzt nicht versucht, mit dem Kopf durch die Wand zu gehen - auch wenn sie diese Tendenz hat."

Schenzles Worte sind auch deshalb von Bedeutung, weil Huber den früheren Prorektor und langjährigen Senator Schenzle als Ratgeber schätzt. Er sei von Huber auch vorab um seine Meinung zur Personalie Schavan gebeten worden, erzählt Schenzle. "Ich habe damals nicht donnernd Nein gesagt. Aber ich habe darauf hingewiesen: Wenn sie vor Gericht verliert, kann es zum Bumerang werden." Dieser Fall sei nun eingetreten. Beunruhigend findet Schenzle auch die Frage, wie die LMU sich verhalten solle, wenn in den eigenen Reihen Plagiatsfälle auftauchen. "Wenn man da durchgreift, entsteht eine Diskrepanz: Die Kleinen hängt man, die Großen lässt man laufen."

Huber hat bisher erklärt, man habe Schavan nicht als Wissenschaftlerin, sondern wegen ihrer Erfahrung in der Hochschulpolitik ausgewählt. Ein Germanist kommentierte das so: "Es ist ein interessantes Menschenbild: Diese Form der Persönlichkeitsspaltung scheint für ihn selbstverständlich zu sein."