Sanierung Hundert zufällig ausgewählte Münchner entscheiden über den Viktualienmarkt

Der Ausschank im Biergarten ist wohl das bekannteste Standl des Viktualienmarkts.

(Foto: Robert Haas)
  • Die Stände am Viktualienmarkt müssen saniert werden, das wird aber wohl nicht vor 2019 beginnen.
  • Hundert per Zufall ausgewählte Münchner sollen nun über Details des neuen Konzepts entscheiden.
  • Viele der Händler fürchten die Veränderungen der kommenden Jahre.
Von Thomas Anlauf

Biergarten, Maibaum, Brunnen: So sieht der Viktualienmarkt auf einer Münchner Postkarte aus, die im Tal an einem Stand zu kaufen ist. Die Wirklichkeit sieht etwas anders aus. Am Freitag um sieben Uhr früh stehen die Bierbänke am Viktualienmarkt noch hochgestapelt, ein alter Bierlaster rumpelt über den Marktplatz. Sandra Smith aus Minnesota schlendert lächelnd mit ihrem großen Rucksack durch die Gassen mit den grünen Standl. "So etwas gibt es bei uns ja gar nicht, Lebensmittel auf der Straße verkaufen, großartig!"

Die Sonne scheint mild auf die Turmspitze der Heiliggeistkirche, da kommt Alexander Katzer vorbei, schließt sein "Fränkisches Wursthäus'l" auf und schiebt die grünen Rollläden hoch. "Der Viktualienmarkt ist doch mittlerweile zum größten Teil eine Touristenattraktion geworden", sagt der Mann mit dem silbernen Zwirbelbart. Touristenattraktion oder Lebensmittelpunkt mitten in der Altstadt? Darüber sollen nun 100 ausgewählte Münchner mitentscheiden.

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Es ein langwieriger Prozess, bis der Viktualienmarkt runderneuert sein wird. Kommunalreferent Axel Markwardt stellte den Händlern vor einem halben Jahr das Konzept vor, dass der Markt auch ja "behutsam, sanft, liebevoll" saniert werden soll. Jetzt geht es in die heiße Phase. Mitte Oktober werden 100 per Zufall ausgewählte Münchner ab 14 Jahren vier Tage lang darüber diskutieren, was an der Situation des Marktes verbessert werden könnte. Die Organisation des Bürgergutachtens hat nun die gfb übernommen, die "Gesellschaft für Bürgergutachten" mit ihrem Projektleiter Professor Hilmar Sturm. Derzeit lädt die gfb die Bürgergutachter ein, das Ergebnis des viertägigen Brainstormings soll dann "als ein Baustein von vielen" in das Sanierungskonzept einfließen, sagt Anne Rauschenbach, die für das Kommunalreferat das Projekt "Zukunftskonzepte Viktualienmarkt" steuert.

"Das bringt doch nichts", sagt Alexander Katzer. "Die Bürgerbefragung kostet nur viel Steuergeld." Die Stadt sichere sich damit einfach ab, dass die Bürger doch mitreden hätten können, sagt er. "Und ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob einer aus Neuperlach, der bei der Bürgerbeteiligung dabei ist, wirklich weiß, was er am Viktualienmarkt haben will." Genau darum geht es aber bei dem Bürgergutachten: Sollen mehr Sitzgelegenheiten auf den Platz? Sollen die Brunnen offiziell als Trinkwasserspender ausgewiesen werden? Solche Sachen. Um Grundsätzliches geht es im Bürgergutachten nämlich gar nicht, das bestätigt auch Anne Rauschenbach. Deutlich mehr Bäume etwa oder die Halbierung der Standl seien einfach "nicht verhandelbar".

Was den Viktualienmarkt wirklich ausmacht, ist gar nicht so einfach zu erschließen. Denn das Gewirr aus Gassen und kleinen Plätzen zwischen den zum Teil ziemlich in die Jahre gekommenen Hütten ist ein großer Organismus, der ständig im Wandel ist. Bis in die Siebzigerjahre fuhren noch Trambahnen quer über den Platz, die Holzhäuser sind zum Teil schon seit den Fünfzigerjahren unverändert da.

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Trotzdem hat sich viel gewandelt, auch wenn es kaum einer merkt. Der Hofreiter mit seinem Biergarten, der in jedem Reiseführer steht, hat eine runderneuerte Hütte bekommen und musste dafür sogar mehrere Monate teilweise schließen. Beim "Sevdas", dem Stand mit "mediterraner Feinkost", fährt um kurz nach acht Uhr morgens die grüne Plane vollautomatisch hoch. Und beim Obsthändler Tretter springt etwas später, in der Mittagshitze Ende August, die Sprinkleranlage an, um Kunden und Kernobst zu kühlen.

Thomas Lupper steht am späten Vormittag in seinem Käseladen, er trägt wegen der Hitze draußen ein weißes kurzärmliges Shirt. "Das ist doch alles billigst gebaut worden in den Fünfzigerjahren", sagt der Feinkosthändler. Die vier Stände, die vorne an der Straße stehen, könne man mitsamt seinem "gerne komplett abreißen" und wieder neu errichten. Allerdings müssten die Hütten dann seiner Meinung nach ähnlich aussehen, nur eben nach modernem Standard neu gebaut.

Mit der Meinung steht Lupper relativ allein da, die meisten Händler am Markt haben Angst vor der Sanierung, die aber wohl nicht vor 2019 beginnen wird. Noch vor dem Bürgergutachten im Oktober wollen die für das Sanierungskonzept beauftragten Architekten erste konkrete Vorschläge machen. Das steht auch auf einem kleinen gelben Zettel, der auf die Fensterscheibe des Infostands am Viktualienmarkt geklebt ist. Daneben pappen ein paar Pappendeckel als "Bierdeckelanalyse", kein Quatsch. Auf einem vorgedruckten Bierfilzl können Besucher und Händler Kurzanregungen für die Zukunft des Viktualienmarkts geben.

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Die Kehrseite des ständigen Wandels am Markt ist, dass in jüngster Zeit mehrere Standl geschlossen haben. Seit Jahresanfang seien es "sicherlich zehn", die aufgehört hätten, sagt Händlersprecherin Elke Fett. Zum Beispiel die Familie Dworschak, die vor zwei Monaten aus Altersgründen ihren Gemüsestand hinten in der Nähe des Müllhäuschens aufgegeben hat. Seither steht er leer. Und bis zur Sanierung des Markts vergibt die Stadt nur noch befristete Verträge, danach sollen sie wieder lebenslang gelten. Aber jetzt? "Wer will da schon rein?", fragt sich Elke Fett.

Alexander Katzer kennt das Problem. Täglich steht er zwölf Stunden am Tag hinter der Theke seiner Hütte mit fränkischen Wurstwaren, er hat "fast ausschließlich Stammkunden". Touristen kommen so gut wie nie in seinen Laden in einer Seitengasse des Markts, den der gelernte Koch vor sieben Jahren übernommen hat. Das Problem sei, "irgendwann sterben die alten Kunden weg".

Von dem Kampf um den wahren Viktualienmarkt, den es nunmehr seit 210 Jahren auf dem Platz zwischen Heiliggeistkirche und Schrannenhalle, Metzgerzeile und Altstadtring gibt, bekommen die Touristen und meistens auch die Münchner gar nichts mit. Ein "wirklicher Lebensmittelmarkt" für die Einheimischen müsse der Ort wieder werden, findet Katzer. Für viele Münchner sei der Besuch am Markt vergleichbar mit einem Einkauf beim Feinkostladen Dallmayr, doch davon haben zahlreiche Händler nichts, die einfach frisches Gemüse aus der Umgebung anbieten. "Mei, es könnt' schon besser laufen", sagt die Nachbarhändlerin des geschlossenen Obststandls der Dworschaks. Die Leute kaufen eben lieber im Supermarkt oder sogar per Internet ein. "Aber da fehlt eben schon das Erlebnis Einkaufen", sagt Alexander Katzer.

Er ist trotzdem ein Erlebnis, dieser Viktualienmarkt, der mittlerweile zum "immateriellen Kulturerbe" in Bayern gekürt worden ist und im Herbst bundesweit als Institution ausgezeichnet werden könnte. "I mogs hoid, de Touristen ozumschaugn, wias Weißwurscht mit Kartoffelsalat essen", sagt ein Beamter, der am Nachmittag eine Bierpause macht, bevor er ins Rathaus zurück muss. Der Viktualienmarkt ist eine Attraktion, auch für Einheimische.

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