Von Von Dominik Hutter

Alles neu, alles besser? Von wegen. Kaum war am Montag das elektronische Stellwerk am Netz, brach bei der S-Bahn ein nahezu flächendeckendes Chaos aus. Ursache: Die automatische Übergabe der Züge an das mit herkömmlicher Technik ausgestattete Stellwerk am Ostbahnhof funktionierte nicht. Die Folge: Staus ohne Ende. Die Störungen zogen sich den ganzen Tag hin - ob zumindest heute alles klappt, war gestern noch unklar.

"Wir testen das neue System schon seit Monaten parallel zum Regelbetrieb", hatte Siegfried Lämmermeyer, Chef der zuständigen DB Netz, noch vergangene Woche verkündet und sich zuversichtlich gezeigt, dass die in der Vergangenheit schon mehrmals mit Problemen belastete Einführung eines elektronischen Stellwerks reibungslos über die Bühne geht. War aber nicht so. Zwar funktionierte die neue Technik auf der Stammstrecke selbst perfekt, bei der Schnittstelle zum Relais-Stellwerk am Ostbahnhof aber haperte es.

Anzeige

Dort, an den Gleisen 4 und 5 des Ostbahnhofs, findet die Übergabe der Züge vom Fahrdienstleiter Stammstrecke an den Kollegen im Osten statt. Normalerweise funktioniert das automatisch - aber eben nur normalerweise. Gestern kamen alte und neue Technik offenbar nicht miteinander zurecht, weshalb der Fahrdienstleiter jeden Zug einzeln über Weichen und an Signalen vorbei lotsen musste. Und das dauert.

Bald zuckelten sämtliche Züge mit zahlreichen Stopps und mit 10 bis 20Minuten Verspätung über die zugestauten Gleise. Bis die Bahn, um mehr Kapazität zu haben, die Linien S1, S4 und S7 aus dem Tunnel aussperrte. Die Züge endeten im oberirdischen Teil des Hauptbahnhofs beziehungsweise in Giesing. Während die S7 gegen Mittag wieder passieren durfte, blieben die Linien S1 und S4 den ganzen Tag verkürzt.

Ob sie heute wieder einfahren dürfen, hängt laut Bahn-Sprecher Horst Staimer von den Technikern ab, die den Fehler gestern noch nicht zuverlässig beseitigen konnten und für weitere Arbeiten erst die Betriebsruhe der Nacht abwarten müssen.

Staimer bedauerte den mehrstündigen Zuckel-Betrieb am ersten Betriebstag des elektronischen Stellwerks. Zumal die Technik in der Nacht noch reibungslos funktioniert hatte. Um 3.28 Uhr war das Stellwerk, das Weichen und Signale per Computer einstellt, mitsamt dem neuen Signalsystem übergeben worden: geprüft und für okay befunden. Und tatsächlich rollten die Züge bei Betriebsbeginn zuverlässig an.

Bis 6.30 Uhr - dann gingen die Probleme los. Wie beim Nadelöhr Stammstrecke üblich, schaukelten sich die staubedingten Verspätungen hoch: Erst bremst man sich gegenseitig aus, dann sind die fahrplanmäßig freigehaltenen Fahrstraßen durch andere Züge belegt - wenn der Fahrplan einmal richtig aus dem Takt gerät, werden die Verspätungen zusehends schlimmer.

Die Münchner S-Bahn-Stammstrecke ist mit täglich 1100Zügen die meistbefahrene Eisenbahnstrecke Deutschlands. Nach Einführung des Zehn-Minuten-Taktes im Dezember wird sie sogar die Nummer eins in Europa einnehmen.

Das elektronische Stellwerk war erst am vergangenen Wochenende bei einer Totalsperre der Stammstrecke angeschlossen worden. Gleichzeitig hatten Arbeiter neue Signale in Betrieb genommen und die Altanlage aus dem Jahr 1972 abgebaut. Das hatte offensichtlich hervorragend geklappt, noch am Sonntagnachmittag verkündete die Bahn: alles im Zeitplan.

Die moderne Technik ist Voraussetzung für die so genannte Linienzugbeeinflussung (LZB), Fahren "auf elektronische Sicht", das den künftigen 90-Sekunden-Abstand überhaupt erst möglich macht. Mit der LZB, die erstmals im Oktober aktiviert wird, kann die Bahn 30 statt heute 24Züge pro Stunde und Richtung durch die Stammstrecke schicken.

Das reicht aus, um auf vier, von 2005 an auf fünf Außenästen einen Zehn-Minuten-Takt in der Hauptverkehrszeit einzuführen - montags bis freitags jeweils von 6.30 bis 9 Uhr sowie von 15.30 bis 18.30 Uhr auf den Trassen nach Zorneding, Deisenhofen, Germering-Unterpfaffenhofen und Maisach. Für den neuen Fahrplan mussten große Teile des gewohnten Liniennetzes auf den Kopf gestellt werden.

Nach dem aktuellen Konzept, das nach den Verzögerungen beim Bau des Unterföhringer Bahnhofs nochmals geändert werden musste, fahren vom 12.Dezember an folgenden Linien: S1 unverändert zwischen Freising/Flughafen und Ostbahnhof, S2 zwischen Petershausen und Erding, S4 zwischen Geltendorf und Ebersberg, S5 zwischen Herrsching und Holzkirchen (abschnittsweise Zehn-Minuten-Takt), S6 zwischen Tutzing und Kreuzstraße, S7 zwischen Wolfratshausen und Ostbahnhof.

Neu ist die Verstärkerlinie S3, die zwischen Maisach (S8) und Zorneding (S4) den Zehn-Minuten-Takt schafft. S20 und S27 bleiben unverändert. Zum Fahrplanwechsel Ende 2005 wird dann auch der nördliche Abschnitt der S2 bis Dachau verstärkt.

Leser empfehlen