Russische Touristen in München Bratwürste und ein Anzug für 50.000 Euro

Schwer zu tragen: Die Maximilianstraße ist für Kunden mit viel Geld geradezu ein Shoppingparadies.

(Foto: Catherina Hess)

An die arabischen Besucher im Stadtbild haben die Münchner sich längst gewöhnt. Aber an die Russen? Sie fallen nicht so sehr auf, kommen aber in ähnlich großer Zahl - und lassen sehr viel Geld da.

Von Tim Neshitov

Man hört sie. Man sieht sie. Man könnte sogar meinen, sie wären überall in der Innenstadt, so ab Mittag. Sie schauen im Fischbrunnen nach, ob das Väterchen Frost sich da drin versteckt hat. "Ded Moros! Ded Moroooooooos!", rufen sie es. Sie essen Bratwürste in der Weinstraße, mit Senf und Schneeflocken, pusten am Stachus auf Glühwein, telefonieren mit Geschäftspartnern in Russland. "Sag denen, sie sollen beim nächsten Mal genau hinschauen, was sie da unterschreiben. Sonst macht mir das null Spaß. Und denen wird's bald noch weniger Spaß machen, weniger als Null."

Man muss kein Russisch verstehen, um zu verstehen, dass das Russisch ist. Viel Russisch in München in der Vorweihnachtszeit.

Es gibt natürlich nicht die Russen, geschweige denn den Russen. Es gibt viele Russen. Auch solche, die man weder sieht noch hört. Und viele von ihnen essen nicht nur Bratwürste und stoßen mit Glühwein auf den Ded Moros an. Viele sind hier, um in Münchens schicken Läden einzukaufen, bei Prada, Louis Vuitton, Ermenegildo Zegna - und wie sie alle heißen, könnte man hinzufügen. Denn die Läden heißen in Moskau genauso; die Preise für Markenschuhe, Schmuck und Designerjeans sind aber hier um bis zur Hälfte niedriger.

Eine Szene vor dem Juweliergeschäft Wempe hinter dem Rathaus. Oleg, 44, und seine Frau, treten aus dem Laden und bleiben am Schaufenster stehen. Oleg ist Bauunternehmer in Moskau, seine Frau hat sehr blaue Augen.

"Vielleicht sollten wir noch die nehmen", sagt Oleg.

"Die Rolex? Das Platinding?"

"Ja, das Platinding. Kostet hier 10.000 Dollar weniger."

Wie die meisten Russen, die man beim Shoppen antrifft, sind Oleg und seine Frau nicht sonderlich gesprächig. "Die Deutschen lieben uns Russen, deswegen kommen wir halt hierher", sagt Oleg. "In New York fühle ich mich nicht so wohl wie hier. Danke, auf Wiedersehen." Seine Frau lächelt. Der Sicherheitsmann von Wempe tritt hinzu. "Wieso stellen sie unseren Kunden Fragen?"

Eine Szene im Prada in der Residenzstraße. Die Verkäuferin im ersten Stock ist Russin, die beiden Familien, die sie bedient, sind auch Russen. Sie holen ihre Bestellungen ab, große Tüten, lange Kassenzettel. Was ist in den Tüten? "Nichts. Wir haben bloß vorbeigeschaut. Rein symbolisch."

In deutschen Shoppingstatistiken liegen russische Touristen mittlerweile auf Platz zwei, hinter den Chinesen und vor den Arabern. Von Januar bis Juni, noch bevor das Weihnachtsgeschäft losging, kamen mehr als 136.000 Russen nach Bayern. Bis September ließ diese Klientel 84 Millionen Euro in den Münchner Läden.

Es gibt hier Geschäfte, deren Anziehungskraft nicht in den niedrigeren Preisen, sondern vor allem in ihrer Einzigartigkeit besteht. Etwa den Hirmer in der Kaufingerstraße, nach eigener Bezeichnung "das größte Herrenmodehaus der Welt".

Galina und Dmitrij sind aus Moskau angereist. Sie sind Ende vierzig und arbeiten als Abteilungsleiter in einem Unternehmen, das sie nicht nennen wollen. "Wir fliehen jedes Jahr vor dem russischen Winter hierher", sagt Dmitrij. Er probiert im Hirmer Schuhe der Marke Red Wing an. "Weiche Schneeflocken, Glühwein, das hier ist kein Winter. Und wenn man zu Hause erzählt, man war im Hirmer, klingt das irgendwie besonders. Als hätte man im P1 Courvoisier getrunken."