Französisches Restaurant "Rive Gauche" Quartier Latin am Glockenbach

Sechs Austern, ein Glas Weißwein und ein Klischee: Im Rive Gauche lässt man sich nieder und fühlt sich sogleich, als säße man am alten Hafen von Marseille oder mitten in Paris. Die Preise sind vergleichsweise moderat. Doch, pardon, da wäre noch eine Kleinigkeit auszusetzen.

Von Karl-Heinz Peffekoven

Man kann nicht behaupten, hier, hinter dem Sendlinger Tor, sei nun die erste Adresse der Stadt. Im Gegenteil, zwischen dem verkehrsumtosten Platz und dem hippen Glockenbachviertel hat sich in der Thalkirchner Straße ein kleines Quartier gehalten, das von einer gewissen urbanen Rustikalität ist: Schwulenbars und Gemüsegeschäft, ein Laden für - wirklich! - Ritterausrüstung, einer für alte Comic-Hefte mit wunderbarem Fünfziger-Jahre-Schaufenster, möglicherweise nicht über jeden Zweifel erhabene Döner-Angebote und Absturzkneipen.

Im schönsten der alten Häuser aber, Max Ostenrieders grandiosem Neorenaissancebau von 1899 an der Ecke zum Stephansplatz, residiert ein Fernwehtraum, das "Rive Gauche".

Ja, es klingt wie ein Klischee, aber hier ist es eben keines: Im Rive Gauche lässt man sich nieder und fühlt sich sogleich, als säße man am alten Hafen von Marseille oder gar an der echten rive gauche von Paris, den Vierteln links der Seine wie dem Quartier Latin, und nicht vor den trüben Lichtern der Thalkirchner Straße. Gehobene französische Restaurants gibt es einige in München, der auch kulinarisch gesegneten Stadt, aber das klassische Bistro eben so gut wie nicht. Smina und Arnaud Ouisse haben eines geschaffen, und der Gast fühlt sich perfekt umsorgt. Es läuft französische Musik, ohne anbiedernd zu sein, es gibt eine gewisse unaufdringliche Eleganz, aber nichts Abgehobenes.

Mit einem Wort: französisch - aber nicht französisierend.

Das überaus nette Wirtspaar hat sich im "Pacific Times" an der Baaderstraße kennengelernt, einer anderen Institution entspannten und stilvollen Lebensgefühls. Auch das haben sie hierhin mitgebracht. Der Patron serviert mit gut gelaunter Professionalität, der Kontakt zu den Gästen ist nett und persönlich geprägt. Ein paar Fotografien an den Wänden von Chansonniers, ein Klavier, eine Käseglocke, köstlich mit Rohmilchkäse gefüllt, und eine Kuchenvitrine mit Tartes: C'est tout. Schnörkellos. Ehrlich.

Monsieur Ouisse bietet eine ambitionierte Weinberatung, es gibt sehr sorgsam ausgewählte, vorzügliche französische Weine wie einen weißen Côtes du Rhône, der trocken und erdig schmeckte und nach Ferien. Stimmig ist auch die kleine Speisekarte, handgeschrieben auf einer Tafel, darunter sind Gerichte, die man selten bekommt und noch seltener selbst zu Hause zubereitet: Hausgemachte Bauernpastete an Zwiebelmarmelade mit Cornichons, Schnecken in Portwein, Blutwurst, Ente. Beliebt: Salat mit Ziegenkäse.

Das Rive Gauche ist kein Ort ultimativer haute cuisinesondern einer kräftigen, authentischen, auch regional geprägten Küche. Man muss nämlich wissen, dass der Wirt aus der Bretagne stammt, um zum Beispiel die köstlichen Austern würdigen zu können, die den Geschmack der Atlantikküste auf die Zunge bringen. Frisch und würzig sind die frischen Bouchot-Muscheln aus Mont-Saint-Michel in Weißweinsauce. Bei den Nachspeisen erfreute die Gäste Far Breton, ein bretonischer Backpflaumen-Eierkuchen.

Das Hauptspeisenangebot ist klein: Es gab etwa geschmorte Rinderbacke an Rotweinsauce mit gebratener Polenta und Enten-Confit mit Grenaille-Kartoffeln und Salatbouquet - beides vorzüglich, das Fleisch wunderbar mürbe.

Hin und wieder gibt es auch musikalische Veranstaltungen mit Künstlern aus dem Viertel, ein Klavier steht bereit. Und vielleicht ist das Rive Gauche der einzige Ort im ganzen Glockenbachviertel, an dem man in eine Decke gehüllt draußen am Bistrotisch Abendsonnenlicht genießen kann. Ein Kir Royal oder ein Aperol Spritz, die Sonne kommt von der Augsburgerstraße her, die direkt auf das Rive Gauche zuläuft und einen Einschnitt zwischen den Häusern bildet. Ein durch und durch entspannter Ort, den man gern auch tagsüber aufsucht.

Gar nichts auszusetzen? Pardon, da wäre doch eine Kleinigkeit: Die Handschrift auf der Tafel ist ausdrucksvoll, aber nicht ganz leicht zu entziffern. Andererseits nähert man sich so den Köstlichkeiten, die sich dahinter verbergen, mit jener Ruhe, die ein Wesenszug der Bretonen sein soll.

Die Preise: für das Gebotene vergleichsweise moderat. Sechs Austern und ein Glas Weißwein kosten 15 Euro, Vorspeisen meist unter zehn, Hauptgerichte in aller Regel deutlich unter 20 Euro. Teuer kommen nur die Weine: Bei einem 0,2-Glas Muscadet ist man mit 6,90 dabei. Aber das ist inzwischen überall in München so.