Risikoforschung Wie kann man die Gesellschaft vor Terror schützen?

Norbert Gebbeken forscht über explosionssicheres Glas - in diesem Fall zu Testzwecken durchschlagen vom Projektil eines Scharfschützengewehrs

(Foto: Claus Schunk)

Gebäude sollen sicher gegen Bombenanschläge sein, sich dafür aber nicht in hässliche Festungen verwandeln. Wie das geht, erforscht Norbert Gebbeken an der Universität der Bundeswehr München.

Von Jakob Wetzel

Mit der Sicherheit sei das so eine Sache, sagt Norbert Gebbeken. Das Problem sei nicht unbedingt die Technik. Man denke zum Beispiel an den 11. September 2001. Wenn ein Hochhaus von einem Flugzeug getroffen wird, müsse es deswegen noch lange nicht in sich zusammenstürzen. Statiker nennen das, was damals geschah, einen progressiven Kollaps.

Und längst gebe es Baustoffe, die einen solchen verhindern können, sagt Gebbeken. Diese Stoffe würden aber selten verbaut, denn sie sind teuer, "und Hochhäuser lassen sich auch ohne vermieten". Dass einmal ein Flugzeug hineinfliege, sei ja unwahrscheinlich. Also würden die Bauherren sagen: Dieses Risiko gehen wir ein.

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Es klingt manchmal etwas zynisch, wovon Gebbeken erzählt, als würde man Wetten abschließen, und der Einsatz wäre das Leben von Menschen. Er habe das selbst erst lernen müssen, sagt er, doch die am Ende entscheidende Frage sei nicht die, wie man sich schützen könne. Die Frage sei die, wie sehr man sich schützen wolle, wie viel einem Sicherheit wert ist, welches Restrisiko man akzeptiert. Und wenn das ein zynisches Wettspiel ist, dann erforscht Gebbeken nun dessen Regeln.

Norbert Gebbeken ist Professor für Baustatik an der Universität der Bundeswehr München, und gemeinsam mit dem Soziologen Wolfgang Bonß leitet er das Forschungszentrum "RISK". Das Akronym steht für "Risiko, Infrastruktur, Sicherheit und Konflikt". Die Universität hat das Zentrum 2012 gegründet. Hinter RISK steht die Einsicht, dass absolute Sicherheit nicht existiert.

Die Einsicht hinter RISK: Absolute Sicherheit gibt es nicht

"Sicher ist etwas immer nur relativ zu einer bestimmten Forderung und Erwartung", sagt Gebbeken - und diese Forderungen könnten sich auch ändern. Also fragen die Forscher, was Sicherheit politisch und ökonomisch bedeutet. Sie untersuchen, wie Entscheidungen unter Unsicherheit getroffen werden. Sie wollen wissen, wie viel Restrisiko eine Gemeinschaft akzeptiert - und wie aus einer mathematischen Berechnung und einem gesellschaftlichen Bedürfnis politische Entscheidungen werden.

Es sind Fragen, vor denen Gebbeken in den vergangenen Jahren immer wieder stand. In Bad Reichenhall zum Beispiel. Als dort im Januar 2006 das Dach der Eishalle unter den Schneelasten zusammenbrach und 15 Menschen tötete, da gehörte Gebbeken als Baustatiker zu einer Kommission, die prüfte, ob man die Richtlinien verschärfen müsse.

Doch die Wissenschaftler waren damit eigentlich überfragt. Sie konnten nur feststellen: Die Berechnungen waren korrekt, und risikomathematisch hatte das Unglück nichts verändert. Sehr wohl aber war das gesellschaftliche Bedürfnis ein anderes geworden. Das Restrisiko, das vor dem Unglück noch als hinnehmbar galt, erschien nun angesichts der Toten als zu hoch. Am Ende gab es neue Vorgaben.

Gebbekens Welt ist eigentlich die der Bomben. Der Ingenieur ist ein weltweit gefragter Spezialist dafür, wie man Gebäude und Menschen vor den Wirkungen von Explosionen, von Terroranschlägen und Katastrophen schützen kann. Es ist sein großes Thema, nicht nur an der Universität.