Restaurant Upper Eat Side Lässig bis ganz nach oben

Alles richtig gemacht: Das Upper Eat Side setzt auf Qualität und Unkompliziertheit - wer reservieren will, braucht allerdings Geduld.

Vergessen wir einfach, dass Giesing mit der New Yorker Upper East Side so viel gemein hat wie Eisenhüttenstadt mit Malibu. Das Restaurant Upper Eat Side vereint gekonnt die Liebe zu regionalen Produkten mit kreativem Anspruch. Selbst wenn es beim Service mal holpert.

Von Tankred Tunke

Vorab müssen wir kurz über den Namen sprechen. Denn streng genommen verbieten sich Namensspiele ja, zumal fremdsprachige. In der Literatur wie im Journalismus, beim Friseur wie im Restaurant. Zu schnell nutzen sie sich ab, noch schneller enden sie im Kalauer. Andererseits geht "Upper Eat Side" dann doch unfallfreier über die Lippen als befürchtet. Und selbst englische Muttersprachler, die eigens für diese Kostprobe zu Rate gezogen wurden, äußerten sich wohlwollend, so dumm sei das am Ende gar nicht. Geschenkt, dass Giesing, wo das Lokal liegt, mit der New Yorker Upper East Side in etwa so viel gemein hat wie Eisenhüttenstadt mit Malibu.

Der Name, er geht also einigermaßen in Ordnung. Und wenn irgendein Restaurant in München sich New-York-Assoziationen erlauben darf, dann das (die?, da geht es schon los!) Upper Eat Side. Ein im besten Sinne modernes Lokal, bei dessen Eröffnung vor nun 18 Monaten offensichtlich so gut wie alles richtig gemacht wurde.

Zuletzt ging es ja viel um die neue Lockerheit in der Spitzengastronomie. Um die (mitunter anstrengend) hippe Pariser Néo-Bistrot-Szene, um Sterneköche, deren unkomplizierte Zweitrestaurants plötzlich populärer sind als ihre zugeknöpften Flaggschiffe oder um Edelgastropubs wie das "Spotted Pig" von April Bloomfield in New York. Lokale also, in denen der Service nicht gleich mit gestärktem Baumwolldamast anrückt, wenn dem Gast beim Biss in die Kruste des Iberico-Schweins einfach mal das Fett aus dem Mundwinkel tropft.

Viele Gäste kommen wegen des Fleisches

Nun ist das Upper Eat Side kein Spitzenrestaurant. Aber die Kombination aus Liebe für regionale Spitzenprodukte, kreativem Anspruch und maximaler Unkompliziertheit geht zumindest in die oben beschriebene Richtung. Es sind eher viele kleine Stellschrauben, mit denen diese Unkompliziertheit erreicht wird, aber zusammen genommen bedingen sie die für ein Lokal so wichtige DNA - von Konzept will man lieber nicht sprechen, das würde dem Niveau des Upper Eat Side nicht gerecht.

Schon beim Betreten des Lokals fühlt man sich aufgehoben. Natürlich, da sind die vielen Naturmaterialien, die cappuccinofarbenen Lederbezüge, die Landschaftsfotografien und das angenehme wie dezente Licht (italienische Lampen sind eben die besten). Das alles ist gemütlich, aber nun auch nicht brutalst originell, weshalb das Wohlbefinden des Gastes sich gar nicht groß herleiten lässt - und genau darauf kommt es in einem guten Restaurant ja an.

Upper-Eat Side-Inhaber Jochen Kreppel mit dem "Herford Ochsen Entrecote".

(Foto: Stephan Rumpf)

Das Menü steht auf einer Tafel, gut nachvollziehbar, weil das Prinzip einfach ist. Es gibt sechs Vorspeisen, jede zu sechs Euro, darunter stets ein Risotto. Wer will, kann das Upper Eat Side also auch als Tapas-Bar begreifen, mit drei Vorspeisen pro Person wären wir hier am ersten Abend eigentlich satt gewesen, für 18 Euro - und auf sehr abwechslungsreiche Art. Die drei Hauptgänge sind stets einmal Fisch und zweimal Fleisch, letzteres im großen Stück gebraten (das Vier-Gänge-Menü kostet 40 Euro).

Und auch die liebevolle Weinkarte, mit schönen Positionen aus der Steiermark, Südtirol oder dem Rheingau, hat eine Besonderheit: berechnet wird der Einkaufspreis plus ein Aufschlag von zwölf Euro; wer möchte, bringt seinen eigenen Wein mit, für Korkgeld in der selben Höhe. Zudem gibt es Münchner Craft Beer.

Jochen Kreppel, 28, und sein junges Team stammen aus der Starnberger Gegend und haben früh angekündigt, das Produkt ohne Chichi in den Mittelpunkt stellen zu wollen. Zum Glück war das keine Entschuldigung für Langeweile. Im Gegenteil: Die Blaukrautsuppe kam mit herrlichem Kümmelschaum, das ungewöhnliche Lachsforellen-Carpaccio wurde aufregend heiß und kalt umschmeichelt - mit brauner Butter, Gurke und Salz-Zitrone. Die feine Süßwasserfischsuppe erreichte uns mit hausgebackenem Baguette und köstlicher Senfcreme. Das Saiblings-Sashimi war von perfekter Qualität und mit Ingwergurke und eigener Teriyaki-Soße angemessen bayerisch-japanisch. Und das Risotto (Schwarzwurzel-Parmesan) moussierte und war von tröstlicher Schwere.

Viele Gäste kommen aber wegen des Fleisches hierher, das auf dem Brett serviert wird, in dem ein Messer stakt - zum Selbersäbeln. Tatsächlich muss man ein so wunderbar glasig gegrilltes Iberico-Schwein erst mal hinkriegen. Und das krosse, saftige und perfekt marmorierte Entrecôte sucht in München seinesgleichen.

Kritik? Womöglich hat die gegrillte Lachsforelle im Safransud nicht hundertprozentig funktioniert. Womöglich waren Schmand, Frühlingszwiebeln und Brühe im Kartoffelstampf etwas zu viel des Guten und die Beilage daher zum Fleisch zu heftig. Aber das Gesamterlebnis hat diese Einwände beiseite gefegt. Ähnlich war es beim liebevollen Service: Wo er mal holperte, wirkte das charmant. Das Namensspiel Upper Eat Side wird man sich merken. Wenn man einen Tisch kriegt. Denn meist ist hier ausgebucht.