Restaurant "No15" Genuss ohne Tamtam

Das französische Restaurant "No15" in der Neureutherstraße.

Im Schwabinger Restaurant "No15" zeigt sich, dass feine Küche aus Frankreich nicht überambitioniert sein muss. Zwar ist der getrüffelte Feldsalat eher eine fade Angelegenheit, doch die Desserts stimmen mehr als versöhnlich.

Von Paula Morandell

München und die Franzosen, das ist eher Liebelei als Leidenschaft. Abgesehen von der Bewunderung für gallischen Kampfgeist à la Ribéry blicken die Münchner halt einfach mit mehr Herz nach Süden denn gen Westen. Das liegt einfach näher, und schließlich hat ihnen schon vor Generationen König Ludwig I. eingepaukt: Alles was gut, wahr und schön ist, kommt entweder aus Rom oder von den alten Hellenen.

Bis heute kann in dieser italonärrischen Stadt jeder mittelgute Pizzaiolo mit durchsichtigen Schmeicheleien punkten - die "bella Signora", der "Dottore" findet's irgendwie doch charmant und kommt gerne wieder. Gegen diese Entente culinaire, die Dominanz der Trattorie können französische Gastwirte praktisch nichts ausrichten, zumindest nicht in der Quantität.

Insofern ist in München jedes der vergleichsweise spärlichen französischen Lokale eine Art Entdeckung. Für Michel Dupuis' Restaurant "No15" trifft das vor allem auf die Lage zu. Der Patron, früher ein Mitbetreiber des Dukatz und davor als Sommelier Karl Ederers Kompagnon, ist in der Szene kein Unbekannter.

Aber auf den Weg in die Neureutherstraße 15, wo der Bretone vor einem Jahr eröffnete, muss man sich schon ganz bewusst machen. Laufkundschaft gibt es, zumal abends, so gut wie keine. Still ruht der Alte Nordfriedhof zur Linken, die Adalbertstraße ist hier oben ein reines Wohnquartier - da wirkt die windschiefe Pigalle-Straßenlaterne im Garten des No15 wie eine Filmrequisite.

Drinnen geht es aber ganz real um feine Küche aus Frankreich, die nicht überambitioniert ist, aber ein schönes Niveau bietet mit einer Auswahl moderner Gerichte: Nicht so deftig wie die Bistroklassiker, kein Tamtam wie bei der Hochküche à la française, aber doch von beidem etwas. Das spiegelt sich auch in den Preisen wider: Die schaumige Kartoffelsuppe mit feiner Lauch-Note zum Beispiel steht für angemessene 7 Euro auf der Karte.

Sobald aber der Trüffelhobel ins Spiel kommt - und das war bei unseren Besuchen häufiger der Fall -, ist es vorbei mit günstig: Die Tarte, geschichtet aus vielen Lagen knusprigen Blätterteigs, mit gedünsteten Zwiebeln und üppig garniert mit dunklen Périgord-Trüffeln, kostete 20 Euro. Eine gelungene, geschmacksintensive Kombination, die den ebenfalls getrüffelten Feldsalat im Vergleich blass aussehen ließ.

Ein Platz zum Wohlfühlen

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Die Blätter verloren sich traurig auf einem großen Teller zwischen grünen Bohnen, etwas Parmesan und kalten Kartoffelstücken. Die fade Angelegenheit konnten auch die kostbaren Pilzscheibchen nicht retten (18). Glücklicherweise erwies sich die Vorspeise als Ausrutscher, schon die Burgunderschnecken stimmten uns wieder versöhnlich. Mit Kräuterbutter waren sie angekündigt und schwammen dann in einem würzigen Schaum, begleitet von feinen Gnocchi (15).

Gelungen auch die zarte Poularde: Das Geflügel geriet nicht zu trocken, die säuerliche Sauce - wieder à la truffe - ergänzte wunderbar ein mildes Kartoffelgratin (25). Das Gratin als Miniaturausgabe gab es auch zum Entrecôte (28). Eine stattliche Portion war das, auf dem Holzgrill wie gewünscht medium gebraten, Schalottenwürfel würzten das Fleisch. Hätte der Koch sich nicht arg mit dem Salz zurückgehalten, wären wir rundum glücklich gewesen.

Gespannt warteten wir beim nächsten Besuch auf den Teller mit der Rinderschulter, auf zweierlei Art zubereitet: Ein Stück kurz gebraten, das andere langzeitgegart. Im No 15 ist man zurecht stolz auf die Qualität des Fleisches, das von Almrindern stammt und auf der Zunge zergeht. Ein sämiger Rotweinjus verlieh dem Gericht eine intensive Note.

Die kleine Rübe im Salzmantel am Tellerrand war von fast brennender Schärfe - bot aber gemeinsam mit der schweren Sauce ein perfektes Geschmackserlebnis (22). Auch bei den Fischgerichten verzichtet die Küche auf Massenprodukte und behandelt die Ware mit Respekt. Der Kabeljau mit roter Bete und Zuckererbsen (20) war ein Wildfang. Ein großes, festes Stück lag auf dem Teller, schonend zubereitet, was den feinen Fischgeschmack erhielt.

Die Desserts (je 10 Euro) waren ein Traum: Die Tarte Tatin aus karamellisierten Äpfeln, buttrigem Teig und einem großen Schlag Crème double blieb uns als süße Wonne in Erinnerung. In Gedanken durchbrechen wir noch die Zuckerkrusten der beiden Crèmes brûlées - mit Bitterschokolade und Passionsfrucht.

Was das Interieur betrifft: Michel Dupuis und seine Frau Aysun, die mit Kenntnis bei der Weinauswahl berät, haben aus dem ehemaligen "La Bouille" ein Lokal von dezenter Eleganz gemacht. Die Räume mit den Gardinen und den Lampen im Fenster haben etwas von einem privaten Speisezimmer an sich, was vielleicht nicht jedem gefällt. Aber die hellgrauen Wände, die lederbezogenen Sitzbänke und das ausgefallene Keramikgeschirr wirken großstädtisch cool und heimelig zugleich. Je öfter man kommt - ein Platz zum Wohlfühlen.