Restaurant Le Cézanne Verführerisch französisch

Küchenchef Patrick Geay überzeugt im "Le Cézanne" mit delikater und sättigender französischer Landküche.

Appetitanregende Quiche Lorraine, angeröstete Froschschenkel oder perfekt gewürztes Lammkarree: Im Restaurant Le Cézanne wird sättigende französische Landküche serviert. Das Verhältnis von Zuvorkommenheit, Preis und Leistung ist ziemlich einmalig - und geschmacklich gab es nur eine einzige Havarie.

Von Carolus Hecht

Wiewohl schon lange vorbei, liegt allzu vielen Zeitgenossen noch das zickige Regime der Nouvelle Cuisine auf der Zunge: Schäumchen, Breichen, Mousse, und all dies in homöopathischen Dosen. Deutsche Vorstellungen von der französischen Küche haben sich so wenig davon erholt, dass in München heute nur wenige nennenswerte Orte der so vielfältigen und überraschungsreichen Küchenwelt Frankreichs anzutreffen sind. Münchens alte frankophile Ader ist aus Unsicherheit gegenüber mediterranen Vorlieben ins Hintertreffen geraten, wo man sich besser auszukennen glaubt. Im "Le Cézanne" in Schwabing freilich speist man all diesen eingefleischten Vorurteilen zuwider: In dem spätmodernen Lokal mit den riesigen Fenstern kocht man wirklich und experimentiert nicht im Nanobereich, man offeriert gediegene, fröhlich delikate, auch sättigenden Landküche im besten Sinne.

Das beginnt mit der ungemein appetitanregenden Quiche Lorraine als Amuse Gueule. Die Kürbiscremesuppe (4,80 Euro) mit dem Hauch Muskat hatte nichts vom Ruch des Unvermeidlichen zu dieser Jahreszeit, seit man den Kürbis als essbar wiederentdeckt hat. Thunfisch-Tartar (13,90), mal mit haarfeinen knusprigen Wakame-Algen, mal mit Avocado, ein erster Höhepunkt: Dem Fisch den Urgeschmack belassend, zart säuerlich umflort, nicht von pampiger Massivität, die roher Fisch annehmen kann.

Die Froschschenkel (14,90) - ja, es gibt sie noch - leicht angeröstet in ihrer luftigen Knoblauch-Petersilien-Creme, hatten nichts mit den grässlichen Ochsenfroschkeulen gemein, dieser zwischenzeitlich grassierenden Karikatur dieser Delikatesse. Der Salat mit zartrosa Entenbrust, Pfifferlingen und pochiertem Ei (14,90) machte in seinem differenzierten Geschmacksreigen so richtig Appetit. Dass auch im Le Cézanne die leider neuerlich wieder so modische Entenstopfleber angeboten wird, quittierten wir mit Verweigerung.

Der Wildlachs auf nussigen Du-Puy-Linsen in Rotweinbutter, den wir im - leider nur für jeweils zwei Personen (à 43 Euro) angebotenen - viergängigen "Überraschungsmenü" serviert bekamen, bestach mit dieser luftigen Leichtigkeit, die den Fisch als ersten Hauptgang so beliebt macht. Rotbarbe und Wolfsbarsch im Duo Rouget (21) hatten jedoch zu lange auf den Begleitgang warten müssen und dabei, wie Pappe aufgebogen, jeden Saft verloren - die einzige Havarie bei unseren Besuchen.

Deftigkeit kombiniert mit Delikatesse

Beim zweiten Hauptgang trumpft Le Cézanne mit der großen Kunst der Franzosen auf, Deftigkeit mit äußerster Delikatesse zu kombinieren. Die Entenbrust mit Armagnac-Pflaumen, Cremewirsing und Kartoffelgratin (19,90) hatte diese rosa Grundbefindlichkeit wie aus dem Lehrbuch. Das Lammkarree in Kräuterkruste (24) erwies sich als Würzmeisterstück, wäre Fundamentalisten vielleicht zu gut durchgebacken gewesen, war dem Rezensenten aber ideal nach dem Munde gebraten. Die geschmorten Kalbsbäckchen warteten wie der Coq au Vin (beide 17,90) mit dieser verführerischen Zweisamkeit von mürber Leichtigkeit und jener fonds- und weinsatten Schmorsauce auf, die man eben nur mit der Engelsgeduld französischer Köche zustande bringt.

Bei den Wirtsleuten, einem deutsch-französischen Paar, ist sie die Chefin im Lokal. Die etwas mürrische Direktheit wurde - bildlich gesprochen - im Laufe der Jahre zu angenehmer Zuvorkommenheit weichgeschmort. Der französische Prinzipal kocht. Ganz unfranzösisch übrigens, dass man mit dem Brot geizt, der vorzüglichen Baguette, hell wie dunkel; und die Portionen manchmal angetrockneter alter Salzbutter sind mickrig. Seltsam. Bei der Creme Brûlée (6), der dunklen Mousse au Chocolat (7), dem Trou Normand (Apfelsorbet mit Calvados, 3,50) ist das aber zum Glück schon wieder vergessen.

Wo die beherzte Beratung fehlt

Die offenen Weißweine, einen Entre deux Mers (Sauvignon Blanc) sowie die Domaine Tariquet aus der Gascogne, empfanden wir als respektabel, aber dem Münchner Geschmack gemäß eine Spur zu lieblich (Freunde der Lieblichkeit nähmen sie sicher für trocken). Herzhaft der wahrhaft ausgegorene Riesling von Trimbach aus dem Elsass (32), ähnlich der Chablis (Jean Paul & Benoit Droin, 37).

Ausgerechnet der offene St. Emilion Grand Cru (2010er Tertre du Moulin, das 0,2-Glas für 8,90) entwickelte nur mühselig seine erdige Kraft, anders als die Réserve de la Demoiselle aus dem Corbières (6,60). Der Gigondas (Les Traverses, Laudun-Chusclan, 36 Euro die Flasche) ließ nie Zweifel an seiner muskulösen Grundverfassung. Zur nicht zu ausladenden, konventionellen, aber profunden Weinkarte vermissten wir die beherzte Beratung.

Vor Jahren noch erschien das Le Cézanne als spröde und teuer. Heute ist es im Verhältnis von Zuvorkommenheit, Preis und Leistung dagegen ziemlich einmalig. Ein empfehlenswerter Winkel für lustvolle Esser, nicht für ziselierende Küchenpäpste.