Renn-Drohnen Videospiel in freier Natur

Christoph Rössel steuert Modellflieger durch eine an Bord befestigte Kamera und Datenbrille - die Renn-Drohnen fliegen mit bis zu 120 Stundenkilometern

Von Florian J. Haamann

Ein aggressives Surren zerreißt die kalte Novemberluft. Im Sturzflug und mit etwa 100 Stundenkilometern rast das handballgroße Fluggerät auf sein nächstes Hindernis zu: ein orangenes Tor, knapp einen Meter hoch, eineinhalb Meter breit. Wenige Zentimeter über dem Boden rauscht der Flieger durch den Bogen, gewinnt wieder an Höhe, bremst scharf ab, das Surren wird leiser. Die nächste Herausforderung ist eine 180-Grad-Wende um eine Stange, die Propeller setzen einen Moment aus, es wird still - aber nur kurz. Denn kaum ist das Gefährt ausgerichtet, heißt es auf der Gegengraden für einige Sekunden wieder Vollgas geben. Nach einer halben Minute ist die Runde beendet.

Am Rand der Rennstrecke sitzt Christoph Rössel mit Videobrille und Fernsteuerung auf einem Anglerstuhl. Der 30-Jährige ist FPV-Racer. Dieses Hobby teilt er mit mehreren Tausend anderen in Deutschland, Tendenz: rasant steigend. FPV steht dabei für "First-Person-View", also "Sicht aus der Ich-Perspektive". Deshalb braucht Rössel die klobige Brille, die aussieht wie eine Virtual-Reality-Brille, also vorne geschlossen ist und im Inneren eine Menge Technik bietet. Doch Rössel sieht auf seinem kleinen Monitor keine virtuelle Welt. Nein, seine Brille fängt das Signal einer Kamera ein, die vorne auf seinem Race-Copter befestigt ist und in Echtzeit überträgt. So steuert der Pilot das Fluggerät durch die Luft, als ob er im Cockpit säße.

Fürs Foto hat Christoph Rössel kurz die Brille abgesetzt.

(Foto: Günther Reger)

Genau das ist das Faszinierende an diesem Sport: Anders als ein klassischer Modellbauflieger quasi mitten im Geschehen zu sein, jeden Looping, jede Vollbremsung so zu erleben, als sei man ein Vogel, der durch den Himmel rast. Gesteuert wird der Copter durch einen abgestecken "Track" mit Hindernissen, der in etwa die Größe eines Fußballfeldes hat. Das ist ungefähr auch der Radius, in dem der Fürstenfeldbrucker seine Maschine fliegen lässt. Technisch ist eine Entfernung von mehreren Kilometern aber durchaus möglich.

"Wenn ich die Brille aufsetze und die Motoren hochfahre, versinke ich in einer ganz anderen Welt. Die Geschwindigkeit versetzt dich einfach in einen Rausch", sagt Rössel. Trotzdem steht die Sicherheit für die FPV-Racer an erster Stelle. Während einer fliegt, passt ein zweiter, der sogenannte "Spotter", auf, dass kein Mensch oder Tier in die Nähe kommt. Nähert sich jemand, bekommt der Pilot einen Klaps auf die Schulter, damit er den Copter landen kann. Auch sonst hält sich Rössel an die geltenden Vorschriften für Modellflieger, er ist haftpflichtversichert und fliegt nicht in Naturschutzgebieten. Deshalb ist es ihm auch wichtig, sich von den "GPS-Schwebern", wie er sie nennt, abzugrenzen. Gemeint sind die Menschen, die sich im Elektrofachmarkt ein Fluggerät kaufen und mitten in der Stadt fliegen lassen. Wie gefährlich das sein kann, hat sich zuletzt wieder beim Unfall am Olympiaturm gezeigt.

"Das Problem ist, dass diese Leute überhaupt nicht wissen, wie sie reagieren sollen, wenn ihr GPS versagt, das ja den kompletten Flug regelt. Zudem gibt es keine Aufklärung beim Kauf dieser Geräte. Nur wenn etwas passiert, gibt es einen kurzen Aufschrei", sagt Rössel, "aber sonst wird kaum kontrolliert, ob die Regeln eingehalten werden." FPV-Racer hingegen seien sehr verantwortungsbewusste Leute, bestätigt auch Christoph Bach vom "Bundesverband Copter Piloten: "Die lieben zwar das Rennen und die Geschwindigkeit, aber sie sind keine Hasardeure."

Rössels Lieblingsflugplatz ist die Rugby-Wiese in Fürstenfeldbruck: viel Platz und kaum Spaziergänger. Während er seine Runden dreht, bleibt eine Familie am Rand des Feldes stehen, die Kinder zeigen auf den kleinen Flieger, der durch seine LED-Lichter auch von Weitem gut zu erkennen ist. Begleitet wird Rössel von seiner Freundin, die nicht nur Ausschau hält, sondern mittlerweile auch selbst FPV-Racerin ist.

Für Besucher hat der Brucker einen kleinen Monitor und eine Zusatzbrille, die er an sein Modell anschließen kann. Selbst als Zuschauer spürt man den Rausch, den Rössel beschreibt. Man fragt sich, wie der Pilot bei diesem Tempo den Copter überhaupt kontrollieren kann. Vom Durchfliegen eines komplizierten Kurses ganz zu schweigen.

In diesem Jahr gab es erstmals Deutsche Meisterschaften im FPV-Racing. "Dafür bin ich aber nicht gut genug. Der ganze Sport ist mittlerweile unglaublich schnell geworden", sagt Rössel. Dabei ist die Szene noch jung. Erst seit gut zwei Jahren gebe es FPV-Racing in Deutschland. "Als ich vor eineinhalb Jahren angefangen habe, hatte die offizielle Facebook-Gruppe etwa 500 Mitglieder, mittlerweile sind es mehr als 6000." Auch in der Region gibt es immer mehr Racer, mit denen Rössel in Kontakt steht und regelmäßig gemeinsam fliegt. Auch international hat sich der Sport etabliert. Es gab eine Weltmeisterschaft in Hawai, in den USA gibt es die professionelle "Drone Racing League" (DRL), bei der die Piloten an wechselnden Orten, etwa in Football-Stadien, fliegen. Wegen der spektakulären Bilder ist der Sport auch fürs Fernsehen interessant. In Deutschland überträgt der Sender Pro Sieben Maxx immer sonntags die DRL.

Man kann allerdings nicht einfach einen fertigen Copter im Laden kaufen. Vielmehr bauen die Piloten ihre Fluggeräte selbst, programmieren die Flugtechnik und richten die Funkverbindungen ein. Und die Hardcore-Racer wie Rössel gehen noch weiter. Er hat sich extra einen 3D-Drucker gekauft, um einige der benötigten Teile selbst herstellen zu können. "Ich kaufe nur die Basisplatte und die Technik, den Rest kann ich nach meinen Vorstellungen am PC entwerfen." Da kommt ihm zu Gute, dass er ausgebildeter Elektriker ist und als Funktechniker arbeitet. Neun Copter besitzt er mittlerweile. Auch finanziell ist das FPV-Racing aufwendig. Brille und Fernsteuerung kosten mehrere Hundert Euro, und für einen Copter mit guter HD-Kamera kommt noch einmal ein vierstelliger Betrag zusammen.

Bevor die Sonne untergeht und Rössel zusammenpacken muss, will er noch seinen neusten Entwurf testen. Er holt den Copter aus seinem Auto, wiegt ihn in der Hand, als wolle er die Balance testen. Mit einem Klettband befestigt er einen neuen Akku und setzt seine Brille auf. Den Kopf leicht nach unten geneigt und mit angespannten Gesichtszügen bewegt er langsam den Schubregler der Fernbedienung, die Rotoren drehen sich und der Copter fängt zaghaft an zu surren, hebt ab, schwebt knapp über dem Boden.

Als das Gerät Flughöhe erreicht hat, ist es mit der Zurückhaltung vorbei. In Sekundenbruchteilen beschleunigt Rössel den Copter, der rast um den Parcours. "Der geht echt gut, die Steuerung reagiert großartig" ruft er. Nach zwei Minuten allerdings muss er kurz wieder auftauchen. Ein Piepen signalisiert: Akku leer. Länger hält dieser bei Rennbetrieb nicht. Während Rössel die Batterie tauscht, kommt von der Strecke plötzlich ein Knall. Der Copter seiner Freundin ist mit voller Geschwindigkeit gegen den Torbogen geprallt. Wie ein Käfer liegt er nun auf dem Boden, ein Propeller ist verbogen. Doch mit wenigen Handgriffen ist das Teil ausgetauscht. Die beiden Piloten setzen ihre Brillen auf und starten zum nächsten Zwei-Minuten-Flug.