Regisseur über Fußball-Film "Mata Mata" "Dante ist herumgesprungen wie ein Flummi"

Bayern-Spieler Dante in seiner Heimatstadt Salvador.

(Foto: Jens Hoffmann)

Seine letzte Szene hat der Münchner Jens Hoffmann gerade erst gedreht - er war bei Bayern-Spieler Dante, als der von der Nominierung für die WM erfuhr. Drei Jahre lang hat der Münchner Dokumentarfilmer brasilianische Fußballtalente begleitet, nun hat sein Film in München Premiere.

Von Anna Fischhaber

"Das ist Hollywood" sagt Dante, als er den Trainingsplatz des FC Bayern 2012 zum ersten Mal betritt. "Die Deutschen sind wie ihr Wetter", sagt Carlinhos, der bei Bayer Leverkusen verzweifelt. Der Münchner Jens Hoffmann, 47, hat brasilianische Fußballtalente begleitet - in Deutschland und in Brasilien, wo demnächst die WM beginnt. Herausgekommen ist der Dokumentarfilm "Mata Mata - Spiel des Lebens", der am Sonntag auf dem Dok.Fest Premiere hat und bald in der ARD läuft.

SZ: Herr Hoffmann, Sie haben drei Jahre lang brasilianische Fußballtalente begleitet. Ist "Mata Mata" ein typischer Vor-WM-Film?

Jens Hoffmann: Mein letzter Dokumentarfilm war über die Pornoindustrie. Wir haben Darsteller und Produzenten begleitet, deren Schicksale sich irgendwann kreuzen. "Mata Mata" ist auch so ein Episodenfilm, es geht um Menschen. Um Liebe, Freundschaft, Tod. Fußball ist nur der Rahmen. Wir haben 270 Stunden mit zwölf Fußballern in Deutschland und Brasilien gedreht. Zwei waren 15, als wir angefangen haben, jetzt sind sie 18 und haben beide Profiverträge. Der eine sogar beim Berater von Cristiano Ronaldo. Im Film geht es beispielsweise um Carlinhos, der in Leverkusen verzweifelt ist. Oder um Dante, den inzwischen jeder kennt.

Was haben Sie mit Dante erlebt?

Wir haben angefangen mit Dante zu drehen, bevor er irgendwelche Meisterschaften gewonnen hat. Er hat die Konflikte und Probleme mitgemacht, in die alle unsere Protagonisten stolpern. Das war ein Hollywood-Märchen, wie man es sich besser nicht hätte ausdenken können. Er war 18, als er hierher geschickt wurde von einem Agenten mit 100 Dollar in der Tasche. Plötzlich stand er in Paris am Flughafen. Es war Dezember und er hatte nur ein T-Shirt an, und keiner war da, um ihn abzuholen. Er war erstmals völlig verloren, dann hat er die Sprache gelernt, war erst in Frankreich, dann in Belgien und kam schließlich nach Deutschland. Er spricht heute sechs Sprachen und findet sich wunderbar zurecht. Aber er ist trotzdem sehr verwurzelt geblieben und weiß, woher er kommt.

Jens Hoffmann hat eine vierstellige FC-Bayern-Mitgliedsnummer, seine Produzentin Cleonice Comino kommt aus Brasilien.

(Foto: Catherina Hess)

Waren Sie auch bei ihm in Brasilien zu Hause?

Wir sind keine Reporter, die nach dem Spiel kurz ein paar Fragen stellen, wir begleiten die Menschen über Jahre. Wir waren beispielsweise beim Confederations Cup 2013 in seiner Heimatstadt Salvador, nur drei Kilometer von dem Stadion ist Dante aufgewachsen. Zuerst war er nur Ersatz, gegen Italien durfte er spielen und schoss als Abwehrspieler das 1:0. Und wir waren bei ihm, als er erfahren hat, dass er für den brasilianischen WM-Kader berufen wurde. Dante ist herumgesprungen wie ein Flummi. Das sind Momente, die man selten sieht. Es war so rührend, weil es so ehrlich und echt war. Er steht nicht vor einer Sponsorenwand, sondern lümmelt auf der Couch. Die Familie versammelt sich um ihn, und am Schluss springen sie alle herum.

Ein anderer Protagonist des Films ist Carlinhos. Ihm ist es hier nicht so gut ergangen.

Carlinhos hat eine ähnliche Geschichte wie Breno. Er ist zu Leverkusen gewechselt mit 18, er kommt aus einer sehr armen Gegend in Sao Paulo. Er war in seinem Leben vorher noch nie in einem Restaurant. Vom Verein hat er alles gestellt bekommen: Ein Einzimmerappartement mit Kabelfernsehen aus Brasilien zum Beispiel. Aber bei ihm daheim sind schlimme Sachen passiert, die ihn völlig fertig gemacht haben. Und dann hat er noch das Pech gehabt, dass eine Woche vor Transferschluss auf seiner Position Dani Carvajal aus Madrid verpflichtet wurde. Carlinhos wurde dann zu Jahn Regensburg verliehen, die damals Letzter in der zweiten Liga waren und einen sehr autoritären Trainer hatten. Er wohnte im Hotel und war völlig am Ende. Seine Familie daheim war inzwischen King of the Favela. Sie hatten ihre Zweiraumhütte auf drei Stockwerke mit Barbecue-Terrasse erweitert. Es gibt eine Szene, als wir bei ihnen in Sao Paolo waren, in der sie mit ihm skypen. Er ist völlig verzweifelt und bekommt nur die Ansage: Alter, du musst kämpfen, du musst drüben bleiben, wir brauchen das Geld. Ziemlich harte Geschichte. Am Ende kommt er wieder zurück. Eigentlich ist seine Geschichte typischer als die Erfolgsgeschichten. Jedes Jahr gehen 1200 Brasilianer ins Ausland, 900 gehen aber auch wieder zurück. Viele nach sehr kurzer Zeit.

Liegt das an den Vereinen, die sich zu wenig um die Spieler kümmern?

Jeder Verein arbeitet unterschiedlich. Gerade Leverkusen gilt eigentlich als vorbildlich. Die tun sicher etwas, aber es ist auch wahnsinnig schwierig, jedem Spieler eine individuelle Betreuung zu bieten. Jeder Mensch ist anders. Dante beißt sich da durch und schafft das, das ist vielleicht auch die mentale Voraussetzung, um als Fußballer erfolgreich zu sein. Es reicht ja nicht, dass man Talent hat. Und Carlinhos kommt mit 18 hierher und hätte vielleicht mehr Betreuung gebraucht wie ein anderer. Natürlich läuft in Fällen wie Breno oder Carlinhos etwas falsch und die Vereine sind daran beteiligt. Aber auch die Familie, die Berater. Jeder trägt seinen Teil dazu bei.

Sie sprechen die Berater an, die gerne mal als moderne Menschenhändler bezeichnet werden.

Das ist das Klischee. Die Agenten hatten nichts zu verstecken, sie hatten überhaupt kein Problem, dass wir bei ihnen drehen. Da sind die Vereine viel schwieriger. Man kann die Spielervermittlung als Menschenhandel bezeichnen, aber das ist genauso, als wenn ein Headhunter einen Banker sucht. Natürlich geht es um die Provision, um kommerzielle Interessen. In so einem Spieler steckt wahnsinnig viel Geld. Aber genau diesen oberflächlichen Klischeebildern von Menschenhandel versucht der Film eine Alternative zu bieten. Danach können sich die Zuschauer selbst eine Meinung bilden, ob die Agenten nun die Bösen sind.

In Brasilien sorgt die WM nicht nur für Freude. Haben Sie auch die Proteste miterlebt?

Zum ersten Mal seit der Diktatur wird wieder massenhaft protestiert. Aber im Prinzip kann man sich bei der Fifa bedanken, endlich kommen alle Missstände an die Öffentlichkeit. Vor fünf Wochen haben wir nochmal in einer angeblich befriedeten Favela gedreht, wo es mitten drin jetzt eine riesige Polizeistation gibt. Die Drehgenehmigung haben wir vom lokalen Boss bekommen. Der hat uns gebeten, ab vier Uhr nur noch in die eine Richtung zu drehen. Weil in der anderen haben seine Jungs Drogen verkauft. Direkt vor der Polizeistation. Es ist immer noch saugefährlich.

Wie schätzen Sie die Lage während der WM ein?

Fußball ist nun mal Opium fürs Volk, der fast alles befriedet. Ich glaube, wenn die Brasilianer die WM gewinnen, werden sich die Proteste im Rahmen halten. Wenn sie nach der Vorrunde ausscheiden, habe ich Sorge, dass da etwas explodiert. Das Absurde ist auch, dass die WM an den wirklichen Fans vorbei geht. Ich war selbst in Salvador im Stadion, da waren nur blonde, blauäugige Mittelstandsleute. Die wirklichen Fußballfans können sich keine Karten mehr leisten.

"Mata Mata - Spiel des Lebens" läuft am Sonntag, 11.5., 20.30 Uhr, und am Montag, 12.05., 21.30 Uhr, im Arri Kino und wird am 24. Mai, dem Tag des Champions-League-Finales, um 18.20 Uhr in der ARD gezeigt. Das ZDF zeigt das Endspiel um 20.45 Uhr.

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