sueddeutsche.de: Fehlt Ihnen Hamburg?

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Kamerun: München ist super. Ich mag, wie es sich anfühlt. Es gibt alles. Ich bin großer Fan des Johannis Cafés in Haidhausen. Eine wundervolle Mischung aus vergangener Bohème, Normalos aus der Gegend und Szenegängern. Was ich auch an München mag, ist die Gasthausmixkultur, die gibt es in Hamburg so nicht. In den Biergärten zum Beispiel sitzen alle durcheinander.

sueddeutsche.de: Sie vermissen gar nichts?

Kamerun: Mir fehlen hier schon die Strukturen, die Leute und der Diskurs. Manchmal ist München ganz schön ordentlich, wie es das Klischee besagt. Ich glaube aber ohnehin, dass die Faszination der Urbanität verschwindet. Wenn es eine coole Gegend gibt, dann sind morgen gleich alle da und es wird ein Edeljapaner eröffnet. Das Westend ist vielleicht noch am durchmischtesten. Das kommende Viertel ist aber ganz klar Berg am Laim. Das schwöre ich, da kann man jetzt schon mal in Immobilien investieren, wenn man zum Beispiel eine BayernLB ist ...

sueddeutsche.de: Sie haben ja sogar ein Lied über die künftige Heimat der Süddeutschen Zeitung geschrieben, das "Menschen in Berg am Laim" heißt.

Kamerun: In dem Song wird das Phlegma einer Gegend beschrieben. Doch aus einem beigen Teig kann schon bald ein bunter Kuchen werden - und das ist für Berg am Laim absolut drin, jetzt wo die SZ dorthinzieht. Das war mit Gruner und Jahr und der Stadt Hamburg auch schon einmal so.

sueddeutsche.de: Ähnlich ist es ja auch dem Hamburger Hafenviertel ergangen ...

Kamerun: Der Golden Pudel Club hat am Fischmarkt aufgemacht, zu einer Zeit, als dort noch niemand hingegangen ist. Damals war es öde, schrotting, verrucht. Nach und nach kamen Mitte der achtziger, neunziger Jahre Werber und Verlage. Man verstand, dass man alles, was schräg und Underground ist, am besten verkaufen kann. Plötzlich waren alle da und wir konnten uns gar nicht mehr ausleben.

sueddeutsche.de: Pionier zu sein hat also nicht nur Vorteile?

Kamerun: Wenn man etwas "anderes" erfindet, macht man es direkt zu einer Ware - obwohl wir nie etwas Kommerzielles daraus machen wollten. Ich habe nie Geld aus dem Laden erhalten. Andere wollen das schon: Nebenan residiert inzwischen ein Nobel-Restaurant, die größte Werbeagentur Deutschlands ist hierher gezogen und in der neuen Hafencity werden die Elbphilharmonie und jede Menge Lofts gebaut. Heute gibt es keinen Abstand mehr zwischen Ausprobieren-Können und Schon-Eingeholt-Werden von der Zeit. Ich nenne das den Tod von Peter Pans "Neverland".

sueddeutsche.de: Aber an den Kammerspielen darf nun wieder ausprobiert werden?

Kamerun: Ich sehe das Projekt als eine kollektive Zeit, die gelebt sein will, in der wir gemeinsam experimentieren können. Ich will Kunstaufführung und Leben nicht trennen. Die Zuschauer sind dazu aufgerufen, sich selber Fragen zu stellen, mitzumachen und Kritik zu üben. Es gibt auch zwei, drei Abende, die noch ziemlich offen sind. Da kann man sich melden und Ideen einbringen. Wer weiß, vielleicht werden wir ja alle zu Ninfos - also zu Leuten, die nach dem Prinzip No Info leben, um dann mit wirklich eigener Idee wieder aufzutauchen. Und dann aber forever ...

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(sueddeutsche.de/jja)