Rechtsradikale Übergriffe in Dachau Schweineherz im Briefkasten

Parolen an der Wand oder Tierorgane im Briefkasten: In Dachau häufen sich rechtsradikale Übergriffe. Die Polizei spricht nur von seltenen Vorfällen. Doch ein betroffenes antifaschistisches Jugendzentrum beschreibt das Ausmaß der Probleme ganz anders.

Von Benjamin Emonts und Helmut Zeller

Als Diakon Klaus Schultz wieder mal an der Amper joggte, nahm er ein Messer mit. Nicht weil Dachau so ein gefährliches Pflaster wäre. Er kratzte damit ausländerfeindliche Aufkleber von den Bäumen ab. Rechtsradikale Schmierereien tauchen in der Stadt immer mal wieder auf: am Bahnhof auf dem Weg zur KZ-Gedenkstätte, an Schulen oder im Citybus.

Der bayerische Kameradschaftsdachverband "Freies Netz Süd" (FNS) verklebte Aufkleber auch im benachbarten Röhrmoos und Petershausen. "Man muss nur die Augen offenhalten", sagt Schultz von der evangelischen Versöhnungskirche an der KZ-Gedenkstätte. Die meisten sehen aber lieber weg. Sogar wenn sich neonazistische Anschläge bedenklich häufen - wie jetzt auf das antifaschistische Jugendzentrum "Freiraum".

Neonazis sprühten in der Nacht auf 12. Februar auf die Fassade Parolen wie "Judenschweine", "NSU", "NS", "Anti-Antifa", "White Power" und mehrere Hakenkreuze. Der aktuelle Fall beunruhigt die Polizei offenbar nicht so sehr. Ihr örtlicher Pressesprecher Michael Richter nennt Straftaten mit rechtsradikalem Hintergrund in Dachau eine "Seltenheit". Doch das Jugendzentrum hat die Übergriffe aufgelistet:

Neben den üblichen Schmierereien kam es im Juli 2011 sogar zu einem vermutlich rechtsmotivierten Brandanschlag. Seit Mitte 2013 nehmen die Übergriffe zu, ereignen sich fast jeden Monat. Antifaschistische Plakate wurden abgerissen, Aufkleber mit Motiven der FNS und der verbotenen "Kameradschaft Aachener Land" angebracht, Hetzparolen geschmiert. Im Dezember lag im Vereinsbriefkasten ein Umschlag - "Letzte Warnung" -, in dem sich ein Tierorgan, vermutlich ein Schweineherz befand.

Politische Gegner einschüchtern

Die Anschläge folgen einem bekannten Muster: "Jugendzentren wie der Freiraum Dachau und das Kafe Marat in München sind beliebte Ziele für rechte Anschläge", erklärt die "Fach- und Informationsstelle gegen Rechtsextremismus" (Firm) in München. Neonazis wollen damit ihre politischen Gegner einschüchtern. Und die Polizei versuche die Vorfälle zu marginalisieren, sagt "Freiraum"-Sprecher Marius Arndt.

Laut Polizeisprecher Richter sind aber in vier Jahren nur zwei Vorfälle angezeigt worden. Was er nicht sagt: Offizialdelikte müssen die Behörden schon von Amts wegen verfolgen. "Die Polizei weiß über die Häufigkeit der Vorfälle Bescheid", betont Marius Arndt von "Freiraum". Zumal die Beamten das Jugendzentrum, das ihnen als linksextremistisch gilt, auch sonst im Auge behalten.

Sofort nach dem Anschlag am 12. Februar riefen die Jugendlichen die Polizei. Das Kommissariat 5 der Kripo Fürstenfeldbruck ermittelt - doch der Öffentlichkeit wurde der Vorfall verschwiegen. Der "Freiraum" selbst ging eine Woche später an die Presse. Schweigen ist für Diakon Schultz keine Lösung. Man müsse Neonaziumtriebe öffentlich machen und damit Sensibilität wecken, sagt der Initiator des "Erinnerungstags im deutschen Fußball".

Viele fürchten jedoch eher um den Ruf der ohnehin geschichtlich belasteten Stadt. Dabei gibt es in Dachau keine organisierte rechte Szene - aber einzelne Rechtsradikale, die den Behörden bekannt sind. Vielleicht stecke hinter den Anschlägen ein und dieselbe Gruppe, vermuten die Jugendlichen im "Freiraum". Erfahren werden sie es wohl nicht. Die Ermittler haben laut Polizeipräsidium Oberbayern Nord keinen konkreten Verdacht.