Neonazis erkennt man nicht mehr an Springerstiefeln und Glatze. In München beraten Experten Eltern, deren Kinder in die rechtsextreme Szene abgerutscht sind.
Sophie (alle Namen von der Redaktion geändert) ist 15, als ihre Mutter in ihrem Schrank ein T-Shirt mit der Aufschrift "Mein Freund ist ein Deutscher" findet. Ihre Nachmittage verbringt das Mädchen fortan im stadtbekannten Nazitreff, in ihrem Zimmer hat sie ein Plakat aufgehängt, auf dem Frankreich in Flammen steht. "Das sind keine Naziparolen, ich liebe nur mein Vaterland", erklärt sie den entsetzten Eltern. Im rechten Milieu sucht die Tochter nach Macht, vermutet die Mutter.
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Neonazis erkennt man heute nicht mehr an Springerstiefeln und Glatze. (© Foto: dpa)
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Bei Problemen mit Alkohol oder Drogen gibt es zahllose Anlaufstellen. Doch was tun, wenn das Kind Nazi wird? Wenn es Rechtsrock hört und die Freunde immer unheimlicher werden? Wenn weder Zureden noch Verbote helfen? In München hat die Landeskoordinierungsstelle gegen Rechtsextremismus 2009 eine mobile Beratung für Eltern eingerichtet, deren Kind in die Szene abgerutscht ist. Nicola Hieke berät Mütter wie die von Sophie. Sie kennt die peinlich berührten Gefühle, die Selbstanklagen, die Fragen, was schiefgelaufen ist.
"Neonazis erkennt man nicht mehr an Springerstiefeln und Glatze", sagt Hieke. Es gebe heute rechte Punks und Neonazis mit langen Haaren. "Das macht es für Eltern schwieriger." Für die Jugendlichen wird die rechte Szene dadurch umso attraktiver. "Sie müssen sich nicht mehr sofort outen." Bei Hieke suchen Angehörige vor allem Bestätigung, die Gewissheit, dass ihr Kind im Milieu ist. Die Elternberatung gibt Informationen über rechte Symbole und Codes, die immer subtiler werden. Und über mögliche Freunde und die Szene vor Ort.
Eine Jugendbewegung, die immer mehr Zulauf findet
Die neue Landeskoordinierungsstelle spricht von einer Jugendbewegung, die immer mehr Zulauf finde. Wenn Berater Schulklassen besuchen, sind sie immer wieder erstaunt, wie viele Schüler Landser hören. Landser ist eine von mehr als 180 Rechtsrockbands in Deutschland - und seit mehreren Jahren als kriminelle Vereinigung verboten.
Aktuelle Studien kommen zu ähnlichen Ergebnissen: So will das Innenministerium angeblich herausgefunden haben, dass jeder siebte deutsche Schüler "sehr ausländerfeindlich" ist. 4,9 Prozent der Jungen und 2,6 Prozent der Mädchen gaben demnach an, einer rechtsextremen Gruppe oder Kameradschaft anzugehören.
Auch Marco macht kein Geheimnis daraus, dass er Neonazi ist. Immer wieder kommt es deshalb zu Auseinandersetzungen, berichten seine Eltern in der Beratung. Er ist 17, als sie zum ersten Mal die Polizei rufen. Sie fühlen sich bedroht vom eigenen Kind, das immer aggressiver wird, denken sogar darüber nach, aus der eigenen Wohnung auszuziehen. Nur um endlich wieder Ruhe zu haben. Kurz darauf steht Marco wegen Körperverletzung vor Gericht. Den Anwalt stellt die NPD - schließlich ist der Junge einer ihrer Hoffnungsträger.
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