Münchner Türken haben gute Argumenten für einen Beitritt - und gute dagegen.
Hüsamettin Özdemir hat einen langen Fernsehabend hinter sich. Montag, von 18 Uhr bis Mitternacht, und natürlich hat er zwischendurch auch immer mal zu einem deutschen Spielfilm rübergezappt.
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Aber hauptsächlich hat Özdemir das Programm des türkischen Nachrichtensenders CNN Türk verfolgt, und das hat ihm, je später der Abend wurde, immer bessere Laune gemacht. Nun steht er wieder an der Kasse seines Kebap-Restaurants "Hilal" in der Landwehrstraße, aber die Hochstimmung hält immer noch an. "Zum ersten Mal wird die Türkei von der EU ernst genommen", sagt Hüsamettin Özdemir, "das hat viel zu lange gedauert, aber jetzt freue ich mich."
Es wird Zeit - für beide Seiten
Ein Tag nach dem Luxemburger Startschuss für Gespräche über einen türkischen EU-Beitritt: Die Aufmerksamkeit der meisten Türken im Bahnhofsviertel gilt an diesem Dienstag dem bevorstehenden Fastenmonat Ramadan. Ganze Kofferraumladungen von Gemüse, Fleisch und Fladenbrot werden aus der Goethestraße abtransportiert. Thema Nummer zwei ist dann aber schon der EU-Beitritt, und die Mehrheit sieht das so wie Özdemir: Es wird Zeit, für beide Seiten.
"So, wie die Türkei Europa braucht, wird auch Europa von einem Beitritt profitieren", glaubt Bülent Morkat, der in Özdemirs Restaurant Stammgast ist. Morkat arbeitet als Wirtschaftsberater in München; die Argumente für eine türkische EU-Mitgliedschaft kann er aus dem Effeff herunterbeten.
Stichwort Wirtschaft: "Deutschland hat im vergangenen Jahr Waren für mehr als 30 Milliarden Euro in die Türkei exportiert, da wäre ein Wegfall von Steuern und Einfuhrzöllen eine enorme Erleichterung." Die Reformen in der Türkei seien bereits sehr weit fortgeschritten, sagt Morkat, "weiter als in Griechenland, Rumänien oder Polen."
Stichwort Sicherheit: "Was die Türkei macht, wird von den anderen Moslem-Staaten ganz genau beobachtet. Pakistan zum Beispiel schaut aufmerksam auf die Türkei. Ein Beitritt wäre gut für einen Dialog mit diesen Ländern - wie ihn ja auch Joschka Fischer in seiner Außenpolitik befürwortet."
Stichwort Fundamentalismus: "Gegen internationalen Terrorismus kann man sich nicht abschotten, das haben die Anschläge in Madrid und London leider gezeigt." Am Ende, findet Morkat, laufe es darauf hinaus, wie sich die EU selbst definiere: "Als christliche Gemeinschaft, wie Frau Merkel das tut - dann hat die Türkei in dieser Union nichts verloren. Wenn man aber über ein Europa als Wirtschaftsraum und Sicherheitsfaktor spricht, dann gehört sie unbedingt dazu."
Nachtragende Österreicher
Dennoch kann Morkat die Vorbehalte nachvollziehen, "ein Land mit 70 Millionen Menschen", sagt er, "das hat innerhalb der EU natürlich ein ganz anderes Gewicht, das wird eben besonders genau unter die Lupe genommen." Dass die österreichische Außenministerin Ursula Plassnik in Luxemburg zunächst nicht über einen Beitritt verhandeln wollte: Für Özdemir steckt eine alte Geschichte dahinter. "Im Jahr 1500 stand der Osmane vor Wien, das haben die Österreicher bis heute nicht verziehen."
Aber natürlich gibt es auch auf türkischer Seite große Vorbehalte - viele sind gegen einen Beitritt, weil sie der EU nicht trauen, einen Ausverkauf der türkischen Kultur befürchten oder einfach finden, Europa am Bosporus, das passt nicht. "Europa will die Türkei auseinanderbringen, es will Türken, Kurden und Armenier spalten, dabei sind wir eine große Familie", sagt eine Kundin beim Gemüsehändler, und: "Ich bin mit ganzem Herzen dagegen."
Ein junges Paar befürchtet wirtschaftliche Nachteile: "Der Türkei läuft's wirtschaftlich immer besser, und in der EU geht es seit Jahren bergab", sagt Yenak Dag. "Jetzt beizutreten, das wäre, wie auf ein sinkendes Schiff aufzusteigen." Seine Frau Nergiz findet, "so blöd das vielleicht klingt", die Kulturen seien nicht vereinbar. "Wir haben eine andere Tradition, einen anderen Glauben, wir sind ganz andere Menschen. Die Türkei passt einfach nicht in die EU."
Auf fünfzehn Jahre haben EU-Experten den voraussichtlichen Zeitplan bis zu einem türkischen Beitritt angesetzt. Von den in München lebenden Türken werde das Thema mit großer Aufmerksamkeit verfolgt, sagt Nergiz. "Aber weil wir so unterschiedlicher Meinung sind, reden wir eigentlich eher selten darüber."
(SZ vom 05.10.2005)
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