Dabei gibt es drängendere Probleme. Als Ratzinger in München ankommt, bewohnen nur vier Weihekandidaten das Priesterseminar, Priester verlassen in Scharen ihre Kirche, von der sie sich nach der Würzburger Synode mehr Reformeifer erhofft hatten. Ratzinger verteidigt den Zölibat, ermahnt die älteren Priester, die jungen nicht zu frustrieren. Die jungen wiederum warnt er vor der Befreiungstheologie: Ratzinger lehnt ab, was nach politischer Instrumentalisierung des Evangeliums anmutet. Der Jesuit Hans Bischlager bekommt das zu spüren. Nachdem er im Büßergewand auf dem Marienplatz einen "Sühnegottesdienst" zum 40. Jahrestag des Einmarschs der deutschen Armee in Russland gefeiert hatte, droht der Bischof mit Suspendierung. Bischlager verlässt später den Orden.

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Störer an der Uni

Ratzingers Ablehnung der "Politischen Theologie" gipfelt darin, dass er die Berufung des Fundamentaltheologen Johann Baptist Metz an die Münchner Universität vereitelt. Metz ist renommiert, hat einen großen Fankreis, die Professoren wollen ihn, und die Studenten sammeln Unterschriften für seine Berufung. Ratzinger aber bringt den damaligen Kultusminister Hans Maier dazu, den Posten mit dem unbekannten Passauer Theologen Heinrich Döring zu besetzen. Karl Rahner protestiert öffentlich gegen das Gemauschel und den Missbrauch der bischöflichen Amtsgewalt. Und in der Pfarrerschaft wird gespöttelt: "Ich bin der Herr, Euer Professor. Ihr sollt keine fremden Professoren neben mir haben."

Einmal stören in München Mitglieder der "Marxistischen Gruppe" einen Vortrag von Ratzinger, indem sie Choräle und Marienlieder singen. Der Bischof selbst bleibt, berichten Augenzeugen, gelassen, nennt den Zwischenfall "Happening" und siedelt mit 1200 Zuhörern in die Ludwigskirche über. Die Pressestelle des Ordinariats spricht am Tag nach dem Ereignis von einem gewaltsamen Übergriff und zieht Parallelen zum Naziregime. Im Nachhinein lässt sich schwer klären, was der Bischof dachte und was seine Mitarbeiter in vorauseilendem Gehorsam verkündeten. Schwer zu sagen auch, ob Joseph Ratzinger glücklich war als Erzbischof von München und Freising. Ratzinger schreibt in seinen Erinnerungen, es sei ihm schwer gefallen, nach München zu kommen und schwer, wieder zu gehen. Der Bär des Bistumsheiligen, der gegen seinen Willen als Packesel diente, ist Ratzinger "ein Bild dessen, was ich soll und was ich bin".

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(SZ vom 14.8.2006)