Von Von Monika Maier-Albang

Mit seiner Herde hat es der neue Oberhirte nicht immer leicht, aber sie tut sich auch schwer mit ihm

Auf gerade mal fünf Seiten handelt Joseph Ratzinger in seinem Buch "Aus meinem Leben" die Bischofszeit in München ab. Hat das fünfjährige Intermezzo ihm nicht mehr bedeutet? Unwahrscheinlich. Schließlich besuchte Ratzinger später als Kurienkardinal sein Heimatbistum, wann immer ein Studienkollege oder ein Trachtenverein ein rundes Priesterjubiläum mit ihm feiern wollte und sein Terminkalender es zuließ. Warum also nur fünf Seiten? Weil er München nicht unter die "Erinnerungen" einordnen mag. Mit der Bischofsweihe im Münchner Dom, schreibt er, "beginnt auf dem Weg meines Lebens die Gegenwart". Der Start in die Jetztzeit war allerdings kein leichter.

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Im März 1977 besucht Nuntius Guido del Mestri den Theologieprofessor Joseph Ratzinger in Regensburg. "Ich dachte an nichts Schlimmes", schreibt Ratzinger, doch der Nuntius überreicht ihm das Ernennungsschreiben zum Erzbischof von München und Freising. Ratzinger ist Wissenschaftler aus Leidenschaft, hat weder Lust darauf, noch sieht er sich geeignet für die Graswurzelarbeit in einer Diözese. Der kurze Ausflug in die Seelsorge - Ratzinger hatte einige Monate in München als Kaplan in der Bogenhausener Pfarrei Heilig Blut gearbeitet - hatte ihm nur allzu deutlich gezeigt, dass hier keine Zeit für große Studien bleibt. Ratzinger berät sich mit seinem Beichtvater, der macht ihm klar, dass er das Angebot aus Rom unmöglich ablehnen kann.

Die Weihe findet 1977 am Abend vor Pfingsten im Liebfrauendom statt, an einem "strahlenden Frühsommertag". Nach der Feier im Dom zieht der Tross zum Gebet an die Mariensäule und der neue Erzbischof ist entzückt von der "Herzlichkeit und Freude", mit der die Menschen ihm, dem "Unbekannten", begegnen. Zehn Monate hatte das Bistum auf einen Nachfolger für den so plötzlich verstorbenen Julius Döpfner gewartet, den leutseligen, verehrten Übervater. Nun soll ein zierlicher, sensibler Mann mit Fistelstimme ihn beerben. Viele im Bistum sind froh, dass die Zeit der Ungewissheit zu Ende ist. Viele schätzen Ratzinger - Pfarrer, weil sie in Freising bei ihm studiert hatten, das Volk, weil mit ihm endlich mal wieder ein Altbayer auf den Münchner Bischofsstuhl kommt. Aber warum, so rätselt man im Bistum, schickt Rom einen 49 Jahre jungen Theologen, der von Seelsorge keine Ahnung hat? Und dem der Ruf vorauseilt, sich von der Aufbruchsstimmung des Konzils längst entfernt zu haben?

Ratzinger kommt - und stößt erst einmal viele progressive Pfarrer vor den Kopf. Unter Döpfner war im Bistum eine Neuregelung zum Bußsakrament "ad experimentum" eingeführt worden. Beichte und Erstkommunion waren entzerrt worden, um die Kinder nicht zu überfordern. Auf Geheiß des Vatikans stoppt Ratzinger das Experiment - und muss erstaunt feststellen, dass keinesfalls alle Pfarrer seiner Anweisung unwidersprochen Folge leisten. Die Diskussionen münden in einen Kompromiss. Ähnlich ergeht es ihm später, als Rom dem Tübinger Theologieprofessor Hans Küng die Lehrerlaubnis entzieht. Ratzinger verteidigt die Maßregelung seines früheren Kollegen und verprellt damit so manchen Mitbruder. Das Grummeln wird so laut, dass der Bischof sich im April 1980 sogar genötigt sieht, in einem Brief vom Klerus Disziplin einzufordern.

Vom Fehler der ersten Zeit spricht Walter Bayerlein, damals Mitglied im Diözesanrat. Ratzinger habe anfangs zu viel geschrieben, zu wenig das persönliche Gespräch gesucht. Doch Bayerlein charakterisiert Ratzinger auch als Menschen, der dazulernt und seine Scheu immer mehr ablegt. Die Hände, die Ratzinger anfangs beim Predigen abwehrend vor den Brustkorb hebt, wandern mit der Zeit immer seltener dorthin. Nach Firmungen braust er nicht mehr sofort davon, legt schon mal den Arm um einen Firmling und lässt sich mit ihm fotografieren. Als "Mensch im Bischofsamt" hat Klaus Günter Stahlschmidt, heute Pfarrer in München-Obermenzing, damals Kaplan, Ratzinger erlebt. Der Jüngere schrieb seinem Bischof kritische Briefe, die dieser stets umgehend beantwortete. Bei Stahlschmidt prägte sich das Bild von einem Bischof ein, der im Vergleich zum väterlichen Döpfner ein brüderlicher Bischof sein wollte, der aber letztlich "nicht die Zeit hatte, dies umzusetzen".

Es gibt in Ratzingers Münchner Zeit viele Katholiken, die das bescheidene Auftreten ihres Bischofs und den genialen Prediger schätzen. Von seinem Hirtenwort zu Ehe und Familie verschickt das Ordinariat 80 000 Stück auf Anfrage. Auf andere aber kann der Bischof auch kühl und distanziert wirken; nur traut sich das heute - man spricht schließlich über den Papst - kaum einer laut zu sagen. Als Ratzinger nach München kommt, steht er erst einmal zwischen den Fronten. Die Levèbvre-nahe "Liga katholischer Traditionalisten" beschimpft ihn als "würdigen Nachfolger des Antikatholiken Döpfner". Progressive sind verstört, weil Ratzinger die Integrierte Gemeinde in die Seelsorge einbindet. Döpfner hatte die damals sehr elitär auftretende Gruppe dagegen klein gehalten.

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