Rathaus Stippvisite

Am Tag der offenen Tür stehen die Münchner vor dem Oberbürgermeister-Büro Schlange und inspizieren die offiziellen Geschenke, die die Stadt bekommt. Nur die Sarg-Ausstellung ist schwer zu finden

Von Thomas Kronewiter

Nein, dass es so langweilig werden könnte im Büro des Chefs von München, das hätten sich die sechsjährige Leonie und ihr viereinhalbjähriger Bruder Moritz vermutlich nicht gedacht. Nur herumstehen vor dem Schreibtisch und eigentlich redet dann bloß einer - für das Geschwisterpaar dürften die beim Verlassen des Dienstzimmers von Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) überreichten veganen Gummibärchen der Stadt vermutlich der Höhepunkt der Stippvisite im Rathaus gewesen sein. Vielen Münchnern erging es anders: Denn wer es schaffte, die Blockabfertigung vor dem OB-Büro zu überstehen, ohne entnervt aufzugeben, der nutzte das Angebot beim Tag der offenen Tür der Stadt nicht bloß zum Blick auf Reiters Bücherregal mit den Bildern von Willy Brandt und Helmut Schmidt, sondern auch zu politischen Kurz-Diskussionen.

Die Glücklichen: Dieses Paar hat es auf den Rathausbalkon geschafft, vermutlich aber haben die beiden ordentlich Zeit in der Warteschlange verbracht. 24000 Menschen hat die Stadt offiziell bei ihrem Tag der offenen Tür gezählt, 6000 davon kamen allein ins Rathaus.

(Foto: Stephan Rumpf)

So hatte es der gewohnt leutselige Oberbürgermeister ("Ich sehe, Sie haben auch nichts Besseres vorgehabt an diesem Tag.") mitunter nicht einfach. "Welche Fehler hat ihr Vorgänger gemacht?", will ein Mittdreißiger wissen, als der OB auf die Nöte der Stadt eingeht, die Wachstumsprobleme des überlaufenen Großraums zu lösen. Eine knifflige Situation, die Reiter beherzt damit beantwortet, dass seiner Ansicht nach "nicht rechtzeitig mit den Großinvestitionen angefangen" worden sei. Wobei er ausdrücklich sämtliche Verantwortungsträger einschließt, und keineswegs bloß Amtsvorgänger Christian Ude (SPD).

Gut nachgefragt war auch der eingerichtete OP-Saal, in dem Kinder mit Instrumenten nach Gummibärchen angeln durften.

(Foto: Stephan Rumpf)

Wer von seinem Rathaus-Besuch am alle zwei Jahre stattfindenden Tag der offenen Tür mehr haben will, als diesen in Warteschlangen zu verbringen, wie sie sonst allenfalls in Disneyland üblich sind, war am Samstag gut beraten, auf eine Besteigung des Rathausturms ebenso zu verzichten wie auf den von den Jubelfeiern des FC Bayern München bekannten Rathausbalkon. Viel gemütlicher waren da Besuche bei Bürgermeister Josef Schmid (CSU) oder Bürgermeisterin Christine Strobl (SPD). Da durfte man einfach ins Allerheiligste durchspazieren.

Zu Besuch beim OB: 500 Münchner empfing Dieter Reiter.

(Foto: Stephan Rumpf)

Wer mehr Action suchte, war im Rathaus nur bedingt richtig. Immerhin hatte das Städtische Klinikum mit echtem Operationsbesteck, Bett und Überwachungsmonitor eine Art OP-Saal eingerichtet. Wer wollte, konnte sich dort den Langenbeck-Haken erklären lassen. Ein wirkliches Kuriositätenkabinett erschloss sich im Sitzungssaal-Trakt, in dem das städtische Protokoll Beispiele für Geschenke präsentierte, die Gäste der Stadt mitgebracht hatten. Dass sich darunter der übliche Tand befand, wie etwa der Holzwandteller einer chinesischen Delegation aus Guang Dong, war zu erwarten gewesen. Aber wer einst das schwarze Paar Halbschuhe mitgebracht hat, das hätte man doch zu gerne gewusst. Die Aufsichtsbeamtin war jedenfalls mit solchen Fragen überfordert.

Nun, München ist nicht bloß Rathaus und Marienplatz, wo die unvermeidlichen Polizeifahrzeuge ebenso aufgebaut waren wie diverse Spielangebote inklusive eines eifrig nachgefragten Rollstuhl-Parcours. Manches im Stadtgebiet war der erwartete Selbstläufer. So kam es zu Staus auf dem Gelände der Hauptfeuerwache, wobei die Feuerwehr - um ihre Attraktivität bei Familien wissend - gleich ein Stück Straße mit abgesperrt hatte. Ein wenig Enttäuschung hinterließ das historische Palais Lerchenfeld an der Damenstiftstraße, in dem seit Jahrzehnten das städtische Bestattungswesen ansässig ist. Wer nicht die Zeit hatte, auf eine der wenigen Führungen zu festgesetzten Zeiten zu warten, vermisste jede Art von Willkommens-Gruß. Man irrte durch Büroflure, fand geschlossene Türen. Und hätte doch zu gerne die Sarg-Ausstellung angeschaut. Aber diesen Schatz gab die Stadt nur zu festgesetzten Zeiten vier Mal am Samstag preis.