Ramersdorf Gelebte Integration

Bei der 100-Jahr-Feier der Grund- und Mittelschule an der Führichstraße wird deutlich, dass die Stadt schon früh viel Geld in die gute Ausbildung der Jugend investiert hat - und dass es dabei auch bleiben soll

Von Hubert Grundner, Ramersdorf

"In die Zukunft blicken, in der Gegenwart leben und aus der Vergangenheit lernen." Unter diesem Motto haben sich Lehrkräfte, Eltern und Schüler der Grundschule an der Führichstraße in den vergangenen Monaten mit der Geschichte ihres Hauses beschäftigt. Und dieses Motto hat Susanne Löffler, die Leiterin der Grundschule, am Freitag auch zitiert: Gemeinsam mit Katrin Hiemer, der Leiterin der Mittelschule, begrüßte sie in der Dreifachturnhalle mehrere hundert Gäste zur 100-Jahr-Feier der Führichschule.

Fit für die Zukunft: Das 100-jährige Bestehen der Führichschule ist am Freitag in der neuen Sporthalle gefeiert worden.

(Foto: Robert Haas)

Prominent vertreten war das Rathaus mit Bürgermeisterin Christine Strobl (SPD). Sie nutzte ihren Auftritt, um einerseits die Führichschule für ihre herausragenden Leistungen bei der Integration mehrerer Schülergenerationen ausländischer Herkunft in die Stadtgesellschaft zu loben. Andererseits erinnerte sie daran, welche Anstrengungen damit verbunden sind: So habe München 360 Schulstandorte, deren Unterhalt, regelmäßige Sanierungen und Modernisierungen die Verwaltung vor große Herausforderungen stellten. Auch seien wegen des anhaltenden Zuzugs immer wieder Neubauten erforderlich. Was sich wiederum, so Strobl, in dem "Riesen-Schulbauprogramm" widerspiegele, das sich auf sechs bis acht Milliarden Euro summiere.

610 Kinder besuchen die Grund- und Mittelschule an der Führichstraße.

(Foto: Robert Haas)

Angesichts des Umstands, dass an der Führichschule fast drei Viertel der Schüler nachmittags betreut werden, gab sich auch die Bürgermeisterin als Anhängerin der Ganztagsklassen zu erkennen. Vor allem aber versicherte sie ihren Zuhörern: "Die Mittelschule ist keine Resteschule. Und: Abitur alleine macht die Menschen nicht unbedingt erst zu Menschen." Auch Handwerker würden gebraucht, wie sich im jetzigen Bauboom gerade zeige. Wem aber die Kinder an Grund- und Mittelschulen wichtig seien, der müsse auch deren Lehrer deutlich besser bezahlen.

Auf die Führichschule gehen Kinder aus mehr als 20 verschiedenen Nationen.

(Foto: Robert Haas)

Wie sehr Bildung und Geld schon früher miteinander verknüpft waren, daran hatte Strobl ebenfalls erinnert: Bis 1917 konnte zwar der erste Teil der Führichschule gebaut werden, es war aber kein Geld mehr fürs Mobiliar vorhanden. Wie sich der Anfang gestaltete, das konnte man bereits 1981 in der vom bayerischen Kultusministerium herausgegebenen Zeitschrift "schule & wir", Ausgabe Nummer vier, nachlesen: "Im Jahre 1917, als die Russen Revolution machten, die Amerikaner an der Westfront auftauchten und die Deutschen vor einem neuen Hungerwinter standen - mitten im 1. Weltkrieg -, wuchs in Ramersdorf ein Schulkomplex in die Höhe. Die ersten Kinder zogen dort ein, drei Wochen bevor in Bayern die Monarchie stürzte und das Chaos der Revolution sich anbahnte." Der Schreiber des Artikels stützte sich dabei auf die Erinnerungen des damals bereits 85-jährigen früheren Rektors Fritz Steinbauer und dessen Archiv. "Es war 1920", erinnert sich Steinbauer, "als ich hier in der Führichstraße als Junglehrer anfing. Der Neubau war in jeder Hinsicht großzügig, angefangen bei den hellen, freundlichen Klassenzimmern, den vorbildlichen sanitären Anlagen, der Turnhalle, dem Schulbad, bis hin zur Zentralheizung. Während das alte Europa in Trümmer fiel, hatte man hier an nichts gespart. Das Kind und seine bestmögliche Förderung standen auch für uns schon im Mittelpunkt. Wir hatten an der Führichschule zum Beispiel ein Aquariumszimmer für den naturkundlichen Unterricht und auch einen eigenen Schulgarten. Nicht jeder moderne Schulneubau kann heute so was vorweisen." Mit 445 Kindern begann im Herbst 1918 das erste Unterrichtsjahr an der Führichstraße - gerade rechtzeitig, um für die letzte Kriegsanleihe bei den Schülern die Werbetrommel zu rühren. "Es werden Beträge ab zwei Reichsmark angenommen", heißt es im Protokoll der ersten Lehrerratssitzung.

445 beim Start

So viele Schülerinnen und Schüler besuchten im Herbst 1918 die Führichschule. Bis 1932 stieg ihre Zahl auf 1300, im Jahr 1954 verzeichnet die Schulchronik sogar - kriegsbedingt - 2300 Schüler. Heute besuchen 610 Kinder die Grund- und Mittelschule.

Es folgten der Erste und der Zweite Weltkrieg, und wer mag, der findet für das damit verbundene Grauen genügend Spuren auch in der Geschichte der Führichschule.

Umso mehr müsste sich Fritz Steinbauer darüber freuen, was aus "seiner" Schule bis heute geworden ist: Kinder aus mehr als 20 Nationen beginnen gemeinsam ihre Schullaufbahn. Dabei steht der Erwerb der deutschen Sprache ganz im Vordergrund - als Voraussetzung dafür, dass in Klassen mit teils mehr als 70 Prozent Kindern mit Migrationshintergrund erfolgreich gelehrt und gelernt werden kann. Spürbar ist auch, wie sehr sich die Kinder und Jugendlichen mit ihrem Schulmaskottchen, der Giraffe Führix, identifizieren: Das Tier mit einem großen Herzen für alle steht symbolisch für das Bemühen um eine gewaltfreie Kommunikation. "Wir leben hier Integration, wir leben hier Demokratie", betonte auch Schulamtsdirektorin Beate Eckert-Kalthoff. Diesem Lob konnte man kaum etwas hinzufügen - außer dem tosenden Applaus für die Theater-, Tanz- und Gesangseinlagen der Schüler während des Festes.