Ramersdorf Eine aussterbende Spezies

Eine Kelle ist nötig, eine große Klappe kann nicht schaden: Kristina Hebert, 73, war 16 Jahre lang Schulweghelferin.

(Foto: Florian Peljak)

Schulweghelfer wie Kristina Hebert, die nun auch aufhört, finden sich immer schwerer

Von Melanie Staudinger, Ramersdorf

In der Früh steht am Innsbrucker Ring meist alles still. Im Schneckentempo kriechen die Fahrzeuge voran, die Laune der Lenker ist entsprechend. Selbst mittags kann von fließendem Verkehr keine Rede sein. Es ist eher ein kleines Durchatmen, bevor die Blechlawinen abends wieder durchrollt. Mehr als 70 000 Fahrzeuge zählt die Stadt an einem durchschnittlichen Arbeitstag am Innsbrucker Ring. Viele von ihnen brettern an Kristina Hebert vorbei. Seit 16 Jahren steht sie frühmorgens und mittags auf Höhe Hechtsee- und Kirchseeoner Straße, und genauso lange passt sie auf, dass den Kindern aus dem Viertel nichts passiert auf dem Weg zur Führichschule.

Kristina Hebert ist Schulweghelferin und gehört damit in München einer immer seltener werdenden Helferart an. 535 Münchner erledigen diesen Dienst, wie Daniela Schlegel vom Kreisverwaltungsreferat (KVR) sagt. Viel zu wenige eigentlich, aber man muss froh über jeden sein, der sich den Job antut.

Für Hebert ist jetzt mit Ferienbeginn endgültig Schluss. Die Lunge, die Kniescheiben, der Rücken - mit 73 Jahren muss sie den Schulwegdienst aus gesundheitlichen Gründen aufgeben. "Ich wollte eigentlich hier sein, solange ich noch gehen und stehen kann und eine große Klappe habe", sagt die Rentnerin. Doch ihre Gesundheit zwingt sie, ihren Dienst immer häufiger ausfallen zu lassen, und das wolle sie den Kindern nicht antun.

Eine große Klappe ist vielleicht nicht die schlechteste Voraussetzung für den Job. Was Hebert am meisten ärgert: die Autofahrer, die bei Grünphasen in eine verstopfte Kreuzung einfahren und dann im Weg stehen. "Die Kinder müssen dann Slalom laufen und es wird unübersichtlich", sagt die Schulweghelferin.

Für den Elternbeirat an der Führichschule in Ramersdorf beginnt nun die Suche. Ohne engagierte Mütter und Väter gibt es den Service nicht. Das KVR lernt die Freiwilligen lediglich an und kümmert sich um alles, was Verwaltung betrifft. "Eigentlich suchen wir überall im Stadtgebiet", sagt Schlegel. Die wenigsten wollen sich für ein ganzes Schuljahr verpflichten.

Die Hilferufe der Schulen jedoch werden immer lauter. An der Margarethe-Danzi-Straße in Nymphenburg suchte man zwei Jahre vergeblich Helfer, an der Grundschule an der Balanstraße in Ramersdorf passen Schüler der Berufsschule auf - aber nur in der Früh, mittags haben sie selbst Unterricht. Schulweghelfer können laut KVR an Ampeln, Zebrastreifen oder Verkehrshelferüberwegen stehen. Für ihren Dienst erhalten sie eine Aufwandsentschädigung. "Wir achten darauf, dass die Schulweghelfer in der Nähe des Einsatzortes wohnen", sagt Schlegel. Das soll das zuverlässige Erscheinen sichern. Denn ein Schulweghelfer, der in der S-Bahn festhängt, bringt wenig, die Eltern sollen sich darauf verlassen können, dass immer jemand da steht.

Kristina Hebert will ihre Zeit am Innsbrucker Ring nicht missen. Viel Schönes habe sie erlebt, damit ließe sich sicher ein Buch füllen. Die Geschichte von dem kleinen Buben zum Beispiel, der auf der Litfaßsäule am Innsbrucker Ring ein halbnacktes Männermodel sah und laut rief: "Schau mal, ein Papa-Popo." Oder von dem Kindergartenkind, das fragte, was denn auf der Kelle stehe ("Halt Kinder") und dann seinen Vater aufforderte, sofort stehen zu bleiben. 16 Jahre lang hat Hebert den Überblick behalten, jetzt macht sie Platz für einen Nachfolger - so sich einer findet. Für immer verabschieden möchte sie sich nicht: "Ich schaue sicher öfter vorbei, ob alles gut läuft." Auf ihre Bilanz kann die 73-Jährige stolz sein: Kein einziges Kind ist in ihrer Amtszeit verunglückt.