Radfahren Narzisst auf dem Sattel

Wer sich auf dem Rennrad schindet, will auch gelobt werden. Gut, dass es dafür das Internet gibt.

(Foto: Florian Peljak)

Ohne digitale Hilfestellung kommt man als ambitionierter Radler heute nicht mehr aus - schon gar nicht, wenn man die Anerkennung von Gleichgesinnten sucht.

Von Sebastian Herrmann

Radfahrer pendeln gerne zwischen Größenwahn und Selbstmitleid. Bei einer langen Fahrt durch Regen und Kälte mit zähen Anstiegen ergeht sich der Radfahrer in Selbstmitleid auf allerhöchstem Niveau - bis er sein Ziel erreicht hat. Dann wechselt sein Empfinden geschmeidig wie ein Gang einer perfekt eingestellten Schaltung in den Größenwahn-Modus. Und wie jeder weiß, braucht ein von seiner eigenen Leistung besoffener Mensch Publikum. "196 Kilometer bin ich gefahren, knapp 2000 Höhenmeter, und es hat fast die ganze Zeit geregnet", gibt der Radler dann zu Hause von sich und hofft auf Applaus. "Echt", erwidert der radsportgelangweilte Partner und sagt weiter: "Wir brauchen noch Brot. Und kannst du nachher Getränke holen, wenn du geduscht hast?"

Gäbe es nicht das Internet, dann hätte das Selbstmitleid an dieser Stelle seinen zweiten Auftritt. Der sportlich und zugleich narzisstisch veranlagte Radler lädt die Daten seines GPS-Fahrrad-Computers nun jedoch bei Strava.com hoch, statt sofort Brot und Getränke einzukaufen. Die Webseite ist so etwas wie das Facebook der Radler dieser Welt - und der hauptsächliche Ansporn hier mitzumachen und seine persönlichen Daten preiszugeben, ist natürlich soziale Anerkennung. Likes heißen hier Kudos, doch den wahren Suchtfaktor des sozialen Netzwerks macht der direkte Leistungsvergleich mit unzähligen anderen Menschen aus, die auf ihren Rädern ebenfalls zwischen Selbstmitleid und Größenwahn pendeln.

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Mehr als eine Million aktive Mitglieder

Wie auf Facebook oder Twitter folgt man bei Strava Freunden, Bekannten oder unbekannten Sportlern. Mehr als eine Million aktive Mitglieder sind in dem Netzwerk angemeldet und teilen dort die Strecken, die sie gefahren sind. Werte wie Durchschnittsgeschwindigkeit oder Höhenmeter werden ebenfalls angezeigt, und Premiumkunden - das sind die, die dafür bezahlen, ihre Daten preiszugeben - können auch Leistungswerte in Watt und Herzfrequenz aufgezeichnet werden.

Auch Routen lassen sich mit der App planen, doch dafür gibt es zahlreiche andere Angebote im Internet, die schnell verfügbar sind, ohne sich dort erst anmelden zu müssen. Sehr praktisch für die Tourenplanung sind Webseiten wie bikemap.net oder gpsies.com.

Auf beiden Plattformen laden Radler die GPS-Daten ihrer gefahrenen Touren hoch - von der gemütlichen Kurzstrecke zum Biergarten bis hin zum Extrem-Alpencross. Das ist zum Beispiel höchst hilfreich, wenn man in den Urlaub fährt und das Rad mitnimmt. Auf Bikemap.net lässt sich dann zum Beispiel die Gegend zuvor im Netz erkunden. Statt auf analogen Karten zu überlegen, wo es dort wohl schön sein könnte, um zu radeln, zeigen die Plattformen an, wo die anderen Zweirädler tatsächlich entlang fahren.

Außerdem liefern die Webseiten Auskunft darüber, ob eine Strecke hügelig ist oder flach und teils auch welcher Straßenbelag zu erwarten ist. Die Daten lassen sich dann relativ problemlos auf ein mobiles GPS oder ein Handy laden. Und so radelt man vor Ort dem lila Strich auf dem Display des Gerätes an der Lenkerstange hinterher, statt sich auf der Suche nach lustlos ausgeschilderten Radwegen zu verfahren.

Wo sich der Radler zum narzisstischen Esel verwandelt

Süchtig machen diese Angebote alle nicht, sie sind nur wahnsinnig praktisch. Zum narzisstischen Esel aber verwandelt man sich lediglich auf Strava, wo sich die sportlich orientierte Radler-Community weltweit versammelt. Die perfideste Form des Wettbewerbs sind dabei die Bestenlisten: Jeder Nutzer kann sogenannte Segmente definieren, also Abschnitte auf einer gefahrenen Route. Diese Segmente sind oft mehrere Kilometer lang, manchmal kaum 100 Meter. Fährt ein Strava-Nutzer eine solche Strecke entlang, die ein anderer Nutzer mit einem Start- und Endpunkt als Segment definiert hat, dann wird die Leistung wie in einem Rennen mit allen anderen verglichen. Der Rekordhalter auf einem Segment trägt den Titel King oder Queen of the Mountain. Bricht ein anderer die Bestleistung, meldet einem das Smartphone dies sofort.

Doch warum treibt einen das jetzt so an? Warum benimmt man sich wie ein überehrgeiziger 13-Jähriger? Da wirkt eben die stärkste Droge überhaupt: soziale Anerkennung. Und die gibt es in stärkster Dosis in sozialen Netzwerken.

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