Psychisch Kranker vor Gericht Manisch-depressiv, aber nicht gemeingefährlich

Er hat seine Mitmenschen beschimpft, manche sogar des Mordes oder anderer Straftaten bezichtigt: Nun steht der Mann vor Gericht. Ihm hätte ein ähnliches Schicksal wie Gustl Mollath widerfahren können, doch das Gutachten eines Psychiaters hilft ihm - zumindest teilweise.

Von Christian Rost

Bernhard P. dürfte schon bald aus der Psychiatrie entlassen werden. Er ist zwar manisch-depressiv, gemeingefährlich ist er laut einem psychiatrischen Gutachten aber nicht. Der Befund ist eine gute Nachricht für den promovierten Chemiker, der sich derzeit wegen Bedrohung, Verleumdung, Beleidigung und Nötigung am Landgericht München I verantworten muss. Wäre Henning Saß, Facharzt für forensische Psychiatrie, am Mittwoch zu einem anderen Ergebnis gekommen, hätte das für Bernhard P. gravierende Folgen gehabt: Er hätte mit einem ähnlichen Schicksal rechnen müssen wie Deutschlands bekanntester Psychiatrie-Patient Gustl Mollath.

Der Vergleich ist nicht weit hergeholt, denn der 64-jährige P. aus dem Landkreis Starnberg betätigt sich seit vielen Jahren als scharfer Kritiker des psychiatrischen Systems und setzt sich auch für die Freilassung Mollaths ein. Nebenbei wettert er gegen Filz und Korruption im "CSU-Staat Bayern". Momentan allerdings muss sich P. aber zunächst um sich selbst kümmern. Seit sieben Monaten ist er vorläufig im psychiatrischen Krankenhaus Garbersee untergebracht, weil er immer wieder Polizisten, Staatsanwälte und andere Menschen bedrohte. Die meisten halten ihn für einen "Spinner", andere fürchten sich vor ihm. Rund 60 Fälle listet die Anklage der Staatsanwaltschaft auf.

Seine frühere Lebensgefährtin, ehemalige Geschäftspartner, Polizisten, Ärzte und Kommunalpolitiker soll der Angeklagte verbal auf heftige Art attackiert haben. "Deppen", "Hirnis" und "Arschlöcher" nannte er sie und bezichtigte sie sogar der Morde, Verschwörungen und anderer Straftaten. Diese Aktivitäten sind laut Psychiater Saß die Folge einer Hypomanie, einer abgeschwächten Form der Manie bei P.

Für seine Umwelt bedeutet das, dass er in Phasen gehobener Grundstimmung und gesteigerten Antriebs richtig anstrengend wird. Er überschätzt sich selbst, gerät in einen Redeschwall, der durchaus aggressiv wirken kann. "Übergriffig" wird der Mann deshalb aber nicht, meint Saß. Dennoch sollte sich P. mit Medikamenten therapieren lassen.

Er selbst hält sich aber nicht für krank, Psychopharmaka lehnt er ab. Als Chemiker, der einst für Pharmafirmen arbeitete, kenne er sich schließlich bestens mit den Mitteln aus, sagte der Angeklagte. So wird die 9. Strafkammer unter dem Vorsitz von Thomas Denz im Falle einer Verurteilung nicht nur eine angemessene Strafe für P. finden, sondern ihn vor allem davon überzeugen müssen, dass er Hilfe braucht. Das wird noch ein hartes Stück Arbeit.

Denn P. ist extrem schlagfertig, intelligent - und stur. Den Sachverständigen Saß nagelte er fest: "Sie bezeichnen mich als krank. Wie oft haben Sie sich bei einer Diagnose getäuscht?" Saß: "Mir ist kein Fall bekannt." P.: "Andere Gutachter kommen in meinem Fall zu einem anderen Ergebnis." Saß: "Dann muss man sehen, welches das Plausiblere ist." Der Prozess wird fortgesetzt.