Psychiatrie "Ich habe Angst, dass die anderen in meine Seele blicken können"

Psychiatrie, dieses Wort steht im Atriumhaus nirgends, sondern: Krisenstation. Krisenambulanz. Eine Krise hat jeder mal. In die Psychiatrie will niemand.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Eine Krise hat jeder mal. In die Psychiatrie will niemand. Das Münchner Atriumhaus aber hat sie alle schon gesehen: die Manager und die Rentner, die Schüler und die Hausfrauen.

Von Pia Ratzesberger

Der Mann will erst nicht erzählen, warum auch. Er kennt doch die Blicke, er weiß doch, was die anderen denken, wenn sie solche Geschichten hören, von den Scherben und vom Blut. Aber er erzählt es dann doch.

Wie er zu Hause die Glastür einschlug. Wie seine Freundin nicht mehr wusste, wer dieser Mann ist, der so rast, in der eigenen Wohnung. Wie er selbst nicht mehr wusste, was er da tat, wie die Freundin weinte und die Glastür zerbrach.

Nun also sitzt er hier, in der Bavariastraße 11, im Atriumhaus. Psychiatrie.

Dieses Haus im Münchner Südwesten ist eine offene Psychiatrie, jeder darf das Gebäude verlassen, Besuch ist erlaubt bis um halb acht am Abend. Wobei das Wort Psychiatrie hier sowieso nirgends steht, sondern: Krisenstation. Krisenambulanz. Eine Krise hat jeder mal. In die Psychiatrie will niemand. Das Atriumhaus aber hat sie alle schon gesehen: die Manager und die Rentner, die Schüler und die Hausfrauen.

"Wenn ich Krebs hätte, würden die anderen mich bemitleiden"

Der Mann, der zu Hause die Glastür einschlug, ist Unternehmer, 29 Jahre alt. Wenn er einen Anzug anziehe und auf die Bühne trete, sagt er, merke keiner etwas. Dann ahne niemand, dass er schon dutzende Therapien hinter sich habe, dass er immer wieder in der Klinik war, dass seine Arme unter dem Sakko so viele Narben tragen. "Wenn ich Krebs hätte, würden die anderen mich bemitleiden, ach Mensch, der arme Kerl". So aber würden die nur sagen: "Reiß' dich zusammen".

Zur Abendrunde setzt er sich zu den anderen an den Tisch. Zu der Frau mit dem Piercing, die am Telefon zusammenbrach, zu der älteren Dame mit dem Rollkoffer, deren Ehemann verstorben ist, zu dem Mädchen mit der Jogginghose, das sich gestern fast umgebracht hat. Mit Ibuprofen und Wodka. Man mache vielen Leuten Angst, wenn man zugebe, dass man in der Psychiatrie war, sagt der Mann. Neben ihm liegt sein Handy, er wartet, dass seine Freundin anruft, sie hat sich noch immer nicht gemeldet. Vielleicht hat sie Angst. Dabei seien sie hier drinnen doch nicht anders als die dort draußen: normal.

Die da drinnen

In der Psychiatrie, da sind die Verrückten. Meint man. Dabei treten viele durch die Tür des Atriumhauses: Rentner und Unternehmer, Schüler und Hausfrauen. Sie kommen, wenn es nicht mehr geht. Von Pia Ratzesberger mehr...