Interview: Susi Wimmer

Flucht vor dem Ereignis und vor sich selbst: Ein Psychiater erklärt mögliche Motive, warum Autofahrer nach einem selbstverschuldeten Unfall flüchten.

In Berlin rast ein Autofahrer bei Rotlicht über die Straße, fährt einen Fußgänger tot und flüchtet. In München übersieht eine Autofahrerin beim Abbiegen ein zwölfjähriges Mädchen. Das Kind wird gegen die Windschutzscheibe geschleudert und bleibt schwer verletzt am Boden liegen. Die Unfallverursacherin gibt Gas. Was geht im Kopf des Flüchtenden vor? Verkehrspsychologe Franz Schibalski vom ADAC versucht, Erklärungen für Verhaltensmuster in Extremsituationen zu geben.

"Reißaus nehmen und verdrängen": Verkehrspsychologe Franz Schibalski versucht zu erklären, was im Kopf eines Unfallflüchtigen vorgehen könnte. (© Foto: ahed)

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SZ: Ein Autofahrer hat einen Menschen verletzt oder sogar getötet. Wie reagiert man in so einem Augenblick?

Schibalski: Eines vorweg: Meine Aussagen sind spekulativ. Jeder Mensch reagiert anders. Ein derartiger Unfall ist für jeden Autofahrer ein extrem seltenes Ereignis. Rein statistisch passiert das einem Autofahrer alle zwei Millionen Kilometer. Manch einer fährt in seinem ganzen Leben nicht so viel. Auf alle Fälle kann sich der Fahrer vorab gedanklich nicht mit so einer Szene auseinandersetzen.

SZ: Trotzdem: Was passiert in diesem Moment mit dem Fahrer?

Schibalski: Es gibt Autofahrer, die nach einem Unfall cool sind, Erste Hilfe leisten und wissen, was zu tun ist. Und wir haben Menschen, die so von der Rolle sind, dass sie sich nicht einmal an ihren Namen erinnern.

SZ: Nehmen wir die Unfallfahrerin: Das Mädchen flog auf die Windschutzscheibe, die zerbrach.

Schibalski: Vielleicht hat der Instinkt die Oberhand gewonnen, der Drang, Reißaus zu nehmen, zu flüchten, zu verdrängen. Die Frau könnte unter totalem Schock gestanden und einfach durchgedreht haben. Es gibt Menschen, die reagieren kopflos, panisch und flüchten vor dem Ereignis und vor sich selbst.

SZ: Aber die Autofahrerin blieb ein paar Meter nach der Unfallstelle stehen, drehte sich um und fuhr dann doch weg.

Schibalski: Das könnte im ersten Moment auf ein bewusstes Kalkül hindeuten. Aber es ist auch die Frage, ob die Frau gesehen hat, was sie angerichtet hat. Es ist ebenso relevant, was im Vorfeld passiert ist. Der Unfall geschah untertags, also könnte man vermuten, dass weder Alkohol noch Drogen im Spiel waren. Vielleicht hatte die Frau einen Termin, war zu schnell dran und wusste schon, dass ihr Fahrstil zu riskant war. Da spielt das schlechte Gewissen eine große Rolle.

SZ: Schlechtes Gewissen in Verbindung mit Panik und Flucht?

Schibalski: Ich erinnere mich an einen Jugendlichen, der ein Auto zu Schrott gefahren hat, zehn Minuten später in den Wald ging und sich erhängte, weil er mit der Schande nicht leben konnte.

SZ: Der Unfall mit dem Mädchen ereignete sich am Freitag. Bis jetzt hat sich die Verursacherin nicht gemeldet.

Schibalski: Auf Dauer wird sie das Geschehen nicht verdrängen können. Irgendwann sieht sie ihr Auto an, die kaputte Scheibe, vielleicht auch noch das Blut. Ich möchte nicht in der Haut eines solchen Menschen stecken. So ein Unfall verfolgt sie ein Leben lang.

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(SZ vom 21.10.2008/sonn)