Nach etwa einer Stunde sei eine Bäuerin gekommen und habe ihn mit Hilfe ihres Sohnes aus den Trümmern gezogen. Die schweren Verbrennungen und Wirbelschäden fesselten Gino M. monatelang ans Bett. Noch heute muss er manchmal ein Stützkorsett anlegen, seine Frau muss ihm mitunter beim morgendlichen Aufstehen helfen.

Anzeige

Aber Klagen kommen ihm nicht über die Lippen. "Ich fühle mich wohl", sagt er. In sein Innerstes lässt er niemanden blicken, die Traumata sind nur zu erahnen, wenn er leise sagt: "Es wäre besser gewesen, sie hätten uns alle an Ort und Stelle erschossen."

Rache ist Gino M. fremd. Er habe den Deutschen verziehen, hatte er unlängst in einem SZ-Interview erklärt. Und: "Ich will diese furchtbaren Momente einfach vergessen." Im Gerichtssaal erzählt Gino M. nun, dass ein Sohn von ihm in Deutschland lebe und er "hier wunderbare Menschen kennen gelernt" habe.

Den Angeklagten zählt er dazu wohl nicht. Der verfolgt die Aussage des Zeugen mit versteinerter Miene von der Anklagebank aus, manchmal lutscht er auch an einem Bonbon. Als der Richter die beiden alten Männer an seinen Tisch bittet, um ihnen alte Kriegsfotos vorzulegen, stehen sie dicht an dicht ohne ein Wort miteinander zu wechseln.

Der Richter fragt, ob Gino M. auf den alten Aufnahmen von deutschen Soldaten jemanden erkenne. "Nein", erwidert der. Josef S. schaut sich die Fotos mit einer großen Lupe genau an, ihm geht es dabei vor allem um Uniformen und Mützen.

Er hat bislang jede Beteiligung an dem Kriegsverbrechen bestritten. Seine Verteidiger argumentieren, dass es sich um eine Verwechslung handeln müsse und verweisen immer wieder auf angeblich falsch zugeordnete Uniformen. Ob sie damit Erfolg haben, wird sich zeigen. Der Prozess wird nächsten Montag fortgesetzt. Dann soll ein weiterer ehemaliger Angehöriger des Gebirgs-Pionier-Bataillons 818 aussagen.

Sie sind jetzt auf Seite 2 von 2

  1. "Jetzt werden wir alle umgebracht"
  2. Sie lesen jetzt "Jetzt werden wir alle umgebracht"
Leser empfehlen 

(SZ vom 08.10.2008)