Prozess um Gewalt auf dem Revier Gegen die Wand

Eine Dolmetscherin verlässt eine Polizeiwache mit Beulen und Wunden. Die Frau habe sich selbst verletzt, sagen die Polizisten. Die Beamten hätten sie gegen eine Wand geschleudert, sagt die 60-Jährige. Nun muss das Gericht klären, was auf dem Revier wirklich passiert ist.

Von Christian Rost

Dolmetscherin Elena S. betrat die Polizeiinspektion am Hauptbahnhof, um drei Rumänen zu helfen. Die Männer wollten Anzeige erstatten, konnten aber kein Deutsch. Was dann auf der Wache passierte, darüber gibt es zwei sehr unterschiedliche Darstellungen. Jedenfalls kam Elena S. zwei Stunden später mit einer großen Beule am Kopf, Hämatomen und Schürfwunden aus der Polizeidienststelle heraus.

Sie beteuert, zwei Beamte hätten sie misshandelt. Die Polizisten sagen, die 60-Jährige sei ausgerastet und habe sich selbst verletzt. Die Wahrheit versucht seit diesem Dienstag das Amtsgericht herauszufinden. Verhandelt wird allerdings nur gegen Elena S. Sie muss sich wegen Körperverletzung verantworten, weil sie einen Beamten gekratzt haben soll. Das Ermittlungsverfahren gegen die Polizisten wurde eingestellt.

Die Rumänen hatten am 7. März 2011 einiges mit der Polizei zu besprechen. Zwei der Männer waren einige Tage zuvor in einem Baucontainer in Unterföhring von einem Landsmann mit einem Messer angegriffen und schwer verletzt worden. Sie lagen mehrere Tage in der Klinik. Außerdem waren die Bauarbeiten von ihrem Arbeitgeber über den Tisch gezogen worden, sie mussten für einen Hungerlohn von vier Euro je Stunde schuften.

Nach einer Zollrazzia auf ihrer Baustelle bekamen sie nicht einmal mehr diesen mageren Lohn ausbezahlt. Elena S. hatte bei der Razzia im Auftrag des Hauptzollamts übersetzt. Auch bei der Polizei wollte sie den Landsleuten helfen, zu ihrem Recht zu kommen. In der Inspektion 16 geriet die Frau aber dann selbst unter Verdacht.

Die Polizisten meinten, die Dolmetscherin wisse mehr über die Messerattacke, als sie preisgeben wolle - und behandelten Elena S. plötzlich als Beschuldigte und nicht mehr als jemand, der hilft, eine Strafanzeige zu formulieren.

Die Frau dachte aber gar nicht daran, der Aufforderung, ihren Ausweis herzuzeigen, Folge zu leisten. Sie setzte sich stattdessen in der Dienststelle einfach auf eine Bank und umklammerte ihre Handtasche. Ihren Trotz erklärt sie mit dem Verhalten der Polizisten: "Das Machtgehabe, die Erniedrigungen und die Ausländerfeindlichkeit" der Diensthabenden habe sie massiv gestört.

Nach ihren Angaben trat Polizeikommissar Michael S. dicht an sie heran. Der 27-Jährige ist ein groß gewachsener Mann. Er habe sie am Arm gepackt, hochgerissen und gegen eine Wand geschleudert. "Mein Gott, was passiert hier", habe sie sich gedacht, sagt die Frau vor Gericht. Dann habe sie der Polizist in einen anderen Raum gebracht, ihre Hände waren fixiert, und ihren Kopf noch einmal gegen einen Türrahmen und eine Wand geschlagen. Der andere Beamte habe sie mit dem Brustkorb geschubst.

Michael S. hat die Situation völlig anders in Erinnerung. Die Frau sei von Anfang an hysterisch aufgetreten in der Wache und habe sich partout nicht ausweisen wollen. Als er ihr "Zwang" angedroht habe, sei sie von der Bank aufgesprungen und ohne sein Zutun gegen eine Wand im Wachraum gerannt. Die Vorsitzende Richterin wundert's, dass sich jemand so verhalten sollte. Doch auch der 39-jährige Kollege von Michael S. erzählt diese Version: "Als sie gegen die Wand lief, hat es ordentlich geknallt."

Die Rumänen werden am kommenden Donnerstag ihre Beobachtungen vor Gericht schildern. Und dann wird auch eine medizinische Sachverständige erläutern, ob Elena S. sich ihre Verletzungen überhaupt selbst zugefügt haben kann.