Prozess Mann greift Nachbarn im Streit mit Beil an

  • Ein nächtlicher Streit eskaliert: Mit einem Beil geht Ahmet T. auf seinen Nachbarn los und verletzt ihn am Arm.
  • Er hatte sich geärgert, dass er nicht einschlafen konnte, weil nebenan geredet wurde.
  • Der 60-Jährige sitzt in Untersuchungshaft; warum, versteht er nicht.
Von Christian Rost

Er sei jetzt Rentner, sagt der Mann, er wolle mit seiner Frau zurück in sein Heimatland Türkei. Ob und wann der 60-Jährige die Reise antreten kann, ist derzeit allerdings fraglich. Ahmet T. muss sich seit diesem Mittwoch wegen versuchten Totschlags am Landgericht München I verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, mit einem knapp 30 Zentimeter langen Campingbeil auf den Schwiegersohn seiner Nachbarin losgegangen zu sein.

Es war der 25. Juni 2015 gegen 23.30 Uhr: Ahmet T. und seine Frau legten sich in ihrer Wohnung in Neuperlach ins Bett und wollten schlafen. Um diese Zeit bekam die in der Wohnung darunter lebende Frau Besuch. Ihre Tochter und ihr Schwiegersohn brachten Einkäufe vorbei, auf dem Gehsteig vor dem Mehrfamilienhaus wurden die Lebensmittel übergeben.

Die beiden Frauen und der 46-jährige Mann unterhielten sich noch eine Weile. Zum Leidwesen von Ahmet T.: Er hörte das Gespräch vom seinem Bett aus mit an und konnte nicht einschlafen. Gegen Mitternacht reichte es ihm: Er öffnete das Fenster und forderte seine Nachbarin auf, leiser zu sein.

Es fallen Wörter wie "Assozialer", "Terrorist" oder "Krimineller"

Weil die Nachbarn ohnehin kein gutes Verhältnis hatten in den 13 Jahren, seit T. dort wohnt, gab bald ein Wort das andere, bis erste Beleidigungen wie "Krimineller, Assozialer, Terrorist" fielen. Schließlich soll der Schwiegersohn, ein sportlich gebauter Wachmann, den Rentner aufgefordert haben, runterzukommen, wenn er "Eier" habe. T. sagt dazu, er habe das vor seiner Frau nicht auf sich sitzen lassen können.

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Deshalb griff er nach dem Beil, das zu Dekorationszwecken in seiner Wohnung an der Wand hing, und stürmte die Treppe hinunter. Laut Anklage packte er den Wachmann am Kragen und schlug mit seiner Waffe zumindest zwei Mal in Richtung des Kopfes und des Halses seines Kontrahenten. Der konnte die Hiebe abwehren, zog sich dabei aber eine sechs Zentimeter lange Schnittverletzung am linken Arm zu. Zudem soll der Rentner den Mann gewürgt haben.

Er beruhigte sich erst wieder, als seine Frau angelaufen kam und ihm das Beil entwand, wobei sie sich leicht an der Hand verletzte. Ihren Mann nahm sie zurück in die Wohnung. Der Wachmann kam zur ambulanten Behandlung in ein Krankenhaus. Bis heute ist er arbeitsunfähig, wie seine Anwältin berichtet. Ahmet T. wurde festgenommen. Seither sitzt er in Untersuchungshaft. Weshalb, das leuchtet ihm nicht ein.

Er habe nicht mit dem Beil auf den Mann eingeschlagen, beteuert er. Der Vorsitzende Richter Norbert Riedmann sieht da einen Widerspruch: "Er war am Schluss zumindest verletzt." Der Rentner meint, sein Kontrahent müsse sich im Handgemenge an dem Beil geschnitten haben. Weshalb er sich mit dem Beil bewaffnet habe, will der Richter wissen. Der Angeklagte: "Weil ich Angst hatte." Der Prozess dauert an.