Prozess in München Gefangen im eigenen Körper

Sie kann lediglich die Augenlider bewegen: In München läuft ein Prozess um die Pflegekosten für eine total gelähmte Frau.

Von Ekkehard Müller-Jentsch

Ihr gesamter Körper ist seit 16 Jahren gelähmt, selbst Sprechen und Schlucken sind unmöglich. Lediglich ihre Augenlider kann die heute 44-jährige Frau bewegen. Trotzdem hört und versteht sie alles in ihrer Umgebung. Ärzte nennen diesen grausamen Zustand, wenn ein wacher Geist im Körper eingeschlossen ist, "Locked-in-Syndrom". Um diese Patientin wird derzeit vor dem Landgericht München I ein Arzthaftungsprozess geführt.

Die damals 28-Jährige hatte 1993 einen schweren Einkaufskorb gehoben und dabei stechende Schmerzen in der rechten Schulter und zwischen Halswirbelsäule und Kopf verspürt. Der Hausarzt verschrieb ihr Tabletten und Zäpfchen. Als diese nicht halfen, ging die Frau zu einem Heilpraktiker, der mit einem "chiropraktischen Griff nach Nelson" und ruckartigen Bewegungen der Halswirbelsäule die vermeintliche Verrenkung zu beheben versuchte.

Plötzliche Lähmung der Beine

Die Schmerzen ließen trotzdem nicht nach. Vielmehr erlitt die Frau am nächsten Tag bei der Heimfahrt mit dem Fahrrad schlagartig eine Lähmung der Beine und Arme, wurde kurz bewusstlos und stürzte. Sie kam zunächst in die Notaufnahme eines Kreiskrankenhauses. Dort befürchteten die Ärzte, dass ein arterielles Gefäß geplatzt sein und zu einem Schlaganfall geführt haben könnte. Sie überwiesen die Frau umgehend in ein städtisches Münchner Krankenhaus. Von dort wurde sie gleich weiter in die Neurologische Abteilung einer anderen Stadtklinik verlegt.

Dort drängte sich den Ärzten der Verdacht auf, dass ihre Patientin eine "Dissektion", also eine Aufspaltung arterieller Gefäßwandschichten der Schlüsselbeinarterie erlitten habe. Deshalb wurde eine Angiographie vorgenommen: Kontrastmittel werden dazu in das Blutgefäß injiziert, um es auf einem Röntgenbild sichtbar zu machen.

Doch schon wenige Stunden später verfiel die Frau in das Locked-in-Syndrom. Seither wird sie in Spezialeinrichtungen gepflegt. Sie kann mit minimalen Kinn- und Lippenbewegungen einen Laserstrahl steuern, der über eine Buchstabentafel an der Wand fährt - ihre einzige Möglichkeit zu kommunizieren.

Da es um gewaltige Pflegekosten geht, bisher schon weit über eine Million Euro, strengte die Pflegekasse der Betroffenen zunächst einen Schadensersatzprozess gegen den Heilpraktiker an. Denn chiropraktische Manöver an der Halswirbelsäule werden von nicht wenigen Fachleuten als Risikofaktoren für die Entwicklung von Schlaganfällen infolge von Verletzungen der Wirbelarterie angesehen.

Gutachter in dem ersten Gerichtsverfahren um diesen Fall konnten aber keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen den Griffen des Heilpraktikers und der Dissektion feststellen - es hätte auch schon beim "Verheben" mit dem schweren Korb passiert sein können, meinten sie. Die Klage gegen den Heilpraktiker wurde folglich abgewiesen. Ein Sachverständiger hatte sich in dem Prozess jedoch gewundert, dass die Patientin in der Münchner Klinik nicht schon auf die Verdachtsdiagnose hin sofort mit Blutgerinnungshemmern wie etwa Heparin oder Makumar, sondern nur mit Aspirin behandelt worden war.

Daraufhin klagte die Kasse nun auch gegen die Stadt München, als Trägerin des Krankenhauses. In einer ersten Stellungnahme erklärte dann vor dem Landgericht MünchenI ein weiterer medizinischer Sachverständiger, dass dies tatsächlich ein Behandlungsfehler gewesen sei.

Wie der Vorsitzende Richter in der mündlichen Verhandlung am Mittwochnachmittag feststellte, hatte der Experte dazu Worte gewählt, die gar auf einen "groben" Behandlungsfehler schließen lassen. Doch auf Nachfragen relativierte er jetzt: "Da der behandelnde Arzt im Gespräch mit dem Oberarzt und seinem Abteilungschef die medikamentöse Therapie abgewogen hat, war die Gabe von Aspirin statt Heparin eine vertretbare Behandlungs-Alternative." Aus seiner Sicht sei der Verzicht auf einen Gerinnungshemmer zwar ein Behandlungsfehler gewesen, "jedoch kein grober".

Der Vorsitzende meinte daraufhin, dass der Gerichtsgutachter seine Fachmeinung ausführlich und nachvollziebar erklärt habe, "daher wird die Klage voraussichtlich abzuweisen sein." Er betonte aber auch, dass andere Sachverständige womöglich zur gegenteiligen Auffassungen gelangt wären. Deshalb schlug das Gericht vor, dass die Versicherung der beklagten Stadtklinik freiwillig 25.000 Euro direkt an die betroffene Patientin bezahlt, "um Rechtsfrieden zu schaffen". Ohnehin habe das in diesem besonders tragischen Fall nur einen symbolischen Wert - "denn was soll die bis zur Nasenspitze gelähmte Frau mit Geld anfangen"?

Alle Beteiligten bekamen drei Wochen Zeit, über diesen Vorschlag nachzudenken. Der Anwalt der Stadt machte allerdings deutlich, dass bei der großen Münchner Versicherung derzeit kaum Bereitschaft zur Zahlung bestehen dürfte, er werde jedoch dem Sachbearbeiter den Vorschlag der Kammer vorlegen. Sollte der Vergleichsvorschlag abgelehnt werden, wird das Gericht am 9.September ein Urteil verkünden.

(Az.:9O23783/05).