Von Alexander Krug

Zwei vietnamesische Jugendliche stehen wegen versuchten Mordes vor Gericht: Bei einer Messerattacke verletzten sie einen Mitschüler schwer im Gesicht.

Dass Dinh N., 17, noch lebt und vor allem noch sehen kann, grenzt an ein Wunder. Das Messer drang immerhin drei Zentimeter tief in seine rechte Augenhöhle ein. "Aufgrund des zufallsbedingt glücklichen Verlaufs des Stichkanals kam es weder zu einer Zerstörung des Auges noch zu einem Eindringen in das Gehirn des Geschädigten", formuliert es der Staatsanwalt in nüchterner Diktion. Der Jurist nennt so etwas versuchten Mord, und deswegen sitzen seit gestern im Jugendgericht zwei Schüler auf der Anklagebank.

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Quang T., 17, und Manh V., 21, sind in Nordvietnam geboren, leben aber schon seit einigen Jahren in München und gehen hier zur Schule. Der Jüngere wartet mit einer abenteuerlichen Geschichte auf: Angeblich soll ihn die Großmutter im Alter von 13 Jahren nach Deutschland "geschickt" haben, damit er hier "vom Heroin wegkommt". Wie eine bitterarme Familie eine solche teure Schleusung über Russland bezahlt haben soll, dafür hat er keine Erklärung. Sicher ist, dass Quang T. hier ohne jede Bezugsperson war, einen Vormund bekam und in ein Heim gesteckt wurde. Sein Asylantrag wurde abgelehnt, abgeschoben wurde er nicht. "Das hat mit meiner Krankheit zu tun", sagt Quang T. leise. Mehr will er dazu nicht sagen. Dem Vernehmen nach hat er sich mit HIV infiziert.

In München bewegte er sich nahezu ausschließlich unter Landsleuten, darunter war auch Manh V. Letzterer war seinem Vater nach München gefolgt, spielte als Jahrgangsbester in der Kreisliga Tischtennis und scheint sich ein wenig besser zurechtgefunden zu haben. Doch auch er bewegte sich praktisch nur unter Vietnamesen, so auch an jenem verhängnisvollen 15. Oktober vergangenen Jahres.

Am Hauptbahnhof hatten sich mehrere vietnamesische Jugendliche vor einem Internet-Café eingefunden. Am Vortag hatte es bereits eine Auseinandersetzung gegeben zwischen den beiden Angeklagten und dem späteren Opfer Dinh N. Auslöser war ein Mädchen, auf das sie ein Auge geworfen hatten. Den Erklärungen der Verteidiger Michael Adams und Uwe Paschertz zufolge sollte der Streit am 15. Oktober sozusagen offen ausgetragen werden. Quang T. habe sich erst Mut angetrunken und "aus Eigenschutz" ein Messer eingesteckt. Dass er das Messer dann auch eingesetzt habe, sei "spontan" erfolgt und "nicht geplant" gewesen. Auslöser der Stiche seien "provozierende" Blicke des Opfers gewesen. Mit den Stichen habe er Dinh N. "nur verletzen, aber keinesfalls töten" wollen, sagt Verteidiger Adams. Der Stich ins Auge sei "unbeabsichtigt" gewesen, "der Angeklagte bedauert dies".

Der mitangeklagte Manh V. will mit der Messerattacke seines Freundes nichts zu tun haben. "Er wusste gar nicht, dass er ein Messer dabei hatte", sagt sein Anwalt Paschertz. Sein Mandant räume lediglich einen Fußtritt ein. Das Jugendgericht will in den kommenden Verhandlungstagen den genauen Tatablauf aufklären.

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(SZ vom 05.09.06)