Proteste von Tierschützern Das Leiden der Wiesn-Hendl

Mehr als eine halbe Million Hendl werden jedes Jahr auf der Wiesn verspeist.

(Foto: Getty Images)
  • Bei den Hendln für das Oktoberfest handelt es sich meist um ganz normale Massenware, Tierschützer prangern das an.
  • Zwei Grünen-Politikerinnen fordern, dass bei städtischen Veranstaltungen nur noch Fleisch aus artgerechter Tierhaltung zuzulassen.
  • Zwei Zelte setzen bereits auf Bio-Fleisch.
Von Franz Kotteder

Tierschützer machen mobil: Sie nützen das größte Volksfest der Welt, um auf die oft skandalösen Praktiken bei der industriellen Tierzucht hinzuweisen. Im Fokus steht dabei vor allem das Wiesn-Hendl. Jahr für Jahr werden mehr als eine halbe Million Hühner auf dem Oktoberfest verspeist, und nur ein verschwindend geringer Anteil davon stammt aus artgerechter Tierhaltung oder gar von Bio-Bauernhöfen.

Die meisten Hendl kommen aus konventionellen Mastbetrieben, in denen die Tiere in der kürzestmöglichen Zeit von 32 Tagen vom Schlüpfen bis zur Schlachtung aufgezogen werden. Meist geschieht das unter Bedingungen, die immer wieder in schockierenden Fernsehdokumentationen angeprangert werden und ebenso regelmäßig in Forderungen nach besseren Tierschutzgesetzen münden.

1200 Gramm pro Standard-Hendl - Züchter dürfen nicht zimperlich sein

Tatsächlich handelt es sich bei den Hendln für das Oktoberfest um ganz normale Massenware, wie sie in jedem Supermarkt auch vorzufinden ist. Die Wiesn ist da nicht besser oder schlechter als der Durchschnitt der Gastronomie oder des Lebensmittel-Einzelhandels. Statt glücklicher Hühner, die vor beschaulichen Bauernhöfen im Boden scharren, hat man es meist mit Zehntausenden Tieren in künstlich beleuchteten Fabrikhallen zu tun, die während ihres kurzen Lebens bis zu siebenmal mit Antibiotika behandelt werden. So will man Seuchen vorbeugen.

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Die Tiere müssen jeweils innerhalb weniger Tage ihr Körpergewicht verdoppeln, um rechtzeitig zur Schlachtreife zu gelangen. 1200 Gramm pro Hendl gilt als Standard. Um den zu erreichen, dürfen die Züchter nicht zimperlich sein. Der Preisverfall bei der Fleischproduktion hat ohnehin schon dazu geführt, dass sie pro Tier nur noch maximal 50 Cent verdienen.

Ein Grund für die Aktivistengruppe Soko Tierschutz, zum Oktoberfest wieder auf die Umstände der Massentierhaltung hinzuweisen. "Bei Bier wird das Reinheitsgebot hochgehalten und bei Tierprodukten der letzte Dreck aus Massentierhaltung serviert", sagt Friedrich Mülln von der Augsburger Soko Tierschutz. Die Organisation hat nachverfolgt, wo die Wiesn-Hendl und Wiesn-Enten eigentlich herkommen.

Wo die Tiere herkommen

Das Ergebnis: Die meisten stammen von den üblichen Großproduzenten wie Wiesenhof, Hubers Landhendl aus Österreich, vom Gutshof Niederaltenburg oder von der Firma Leonhard Gross aus Massing. In nahezu allen Aufzuchtbetrieben stellten die Tierschützer die gleichen katastrophalen Bedingungen fest: Tiere, die in Unmengen von Fäkalien vor sich hin vegetieren oder auf toten und verwesenden Artgenossen in viel zu engen Ställen herumtrampeln müssen.

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Soko-Tierschutz-Sprecher Mülln sagt über Wiesenhof und Hubers Landhendl, die viele Hendlbrater und Zelte auf dem Oktoberfest beliefern: "Auch nach den Aufdeckungen der letzten Zeit setzen beide Firmen unverändert auf rücksichtlose Massentierhaltung und maximale Ausbeutung der Tiere."

Widerhall finden die Enthüllungen der Tierschützer inzwischen auch im Stadtrat. Grünen-Stadträtin Katrin Habenschaden hat zusammen mit ihrer Kollegin Sabine Krieger bereits im Frühjahr den Antrag gestellt, bei allen städtischen Veranstaltungen nur noch Fleisch zuzulassen, das aus artgerechter Tierhaltung stammt. Dazu gehörte dann allerdings auch das Oktoberfest. Dort sind Hendl aus Bio-Haltung - etwa auf der Oiden Wiesn im Herzkasperlzelt oder bei der Hühnerbraterei Ammer - in der Regel um fünf Euro teurer als sonst. Habenschaden ist sich sicher: "Den meisten wäre es das wert, dass das Tier ein einigermaßen gutes Leben hatte. Die Menschen wollen eigentlich kein Antibiotikum auf wackligen Beinen."

Klar ist aber auch: Es geht um Angebot und Nachfrage. Wenn's um den Geldbeutel geht, ist es mit der Tierliebe oft nicht mehr weit her. Toni Roiderer vom Hackerzelt, der Sprecher der Wiesnwirte, hat eine klare Position: "Selbstverständlich kann man solche Vorgaben machen. Man muss sich halt nur darüber im Klaren sein, dass das alles dann auch entsprechend kostet." Schon jetzt seien Bio-Hendl ja um einiges teurer als die herkömmlichen. "Ob sich dann eine vierköpfige Familie auf der Wiesn wirklich noch vier Hendl leisten will und kann, ist dann halt die Frage."

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