Protestaktion gegen TTIP Buchhändler fürchten das Ende der Freiheit

Protest gegen TTIP: Comic-Buchhändler Peter Zemann macht mit.

(Foto: Stephan Rumpf)

Viele kleinere Buchhändler in München haben Angst, dass das geplante Handelsabkommen TTIP den großen Konzernen hilft und dem Literaturbetrieb schadet. Am Samstag wollen sie mit einem sichtbaren Zeichen protestieren.

Von Mirjam Wlodawer

Während sich auf der Frankfurter Buchmesse Menschenmassen an Bücherbergen vorbei drängen, soll es in den Schaufenster vieler Münchner Buchhandlungen an diesem Samstag nichts zu sehen geben. Zumindest nicht das Gewohnte. Mit großen Plakaten verhüllen rund 40 Buchhändler ihre Schaufenster, um am europaweiten Aktionstag gegen das geplante Freihandelsabkommen TTIP zu protestieren.

Ihre Angst: Das Freihandelsabkommen gefährdet die deutsche Buchpreisbindung und damit ihre Existenz. 1888 wurde die Buchpreisbindung in Deutschland eingeführt und gewährleistet seitdem, dass Bücher überall das Gleiche kosten. Sollte die Buchpreisbindung fallen und große US-Konzerne wie Amazon Bücher fortan zu Dumpingpreisen anbieten, könnte dies das Aus für kleine Buchhandlungen mit einem anspruchsvollen Sortiment bedeuten.

Was den transatlantischen Handel hemmt, soll abgeschafft werden

Das Freihandelsabkommen TTIP tritt mit dem Anspruch an, den Handel zwischen der EU und den USA zu fördern. Was den transatlantischen Handel hemmt, soll abgeschafft werden. Auch Peter Zemann betreibt schon seit Jahren Handel mit US-Unternehmen. 1989 gründete der Münchner mit einem Schulfreund die Buchhandlung Comic Company. Zemann bietet in seinem Geschäft in der Fraunhoferstraße nicht nur Comic-Raritäten aus Ländern wie der Elfenbeinküste an.

Ein Großteil seines Bestands sind amerikanische Comics, die Zemann aus den USA importieren lässt. "Dazu braucht es aber kein Abkommen, das funktioniert schon seit Jahrzehnten", sagt Zemann. Weil er glaubt, dass das Freihandelsabkommen die Existenz seines kleinen Unternehmens gefährdet, beteiligt auch er sich an diesem Samstag an der Aktion der Buchhändler. "Die deutsche Buchpreisbindung gilt nicht für amerikanische Comics. Deshalb kann Amazon US-amerikanische Comics schon jetzt zwischen drei und acht Euro billiger anbieten", sagt Zemann. "Die deutsche Buchpreisbindung ist für mich ein Schutz. Zumindest die deutschen Comics muss Amazon zum gleichen Preis anbieten."

Wir nehmen die Rücklichter, ihr kriegt die Kunst

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Bücher günstiger einkaufen, das mag für viele Kunden erst einmal verlockend klingen. Doch wenn der Buchpreis dem freien Wettbewerb unterliegt, warnt Zemann, bleiben die Preise nicht dauerhaft niedrig. "In Ländern wie Großbritannien, in denen es keine Buchpreisbindung gibt, schnellen die Buchpreise bei großer Nachfrage, zum Beispiel in der Weihnachtszeit, in die Höhe. Das ist so, wie mit den hohen Benzinpreisen in den Sommerferien."

Auch Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, steht dem Freihandelsabkommen skeptisch gegenüber. "Ich sehe da gar keine Vorteile. Es gibt im Bereich des Buchhandels, was den grenzüberschreitende Warenverkehr angeht, keine Handelshemmnisse."

Gefahr für die Vielfalt

Sollte die Buchpreisbindung fallen, sei nicht nur die Existenz von Buchhandlungen, sondern auch die kleinerer Verlage und mit ihnen die Vielfalt von Büchern gefährdet. "Kleinere Verlage haben manchmal nur Auflagen von 800 bis 1500 Büchern. Aber gerade diese kleinen Verlage entdecken oft das Neue und Schräge. Sie brauchen dieses kleine und filigrane Netz von Buchhändlern, die ihnen zwei, drei, vier Bücher abnehmen und versuchen, sie ihren Kunden zu empfehlen."

Eine Buchhandlung, in der man die Liebe zur anspruchsvollen Literatur pflegt, ist auch das Münchner ABC. 1973 als erste Autorenbuchhandlung Deutschlands gegründet, gehören Schriftsteller wie Elfriede Jelinek, Günther Grass oder Uwe Timm zu ihren Mitgliedern. Ratgeber, Kochbücher und Unterhaltungsliteratur sucht man hier vergebens. Karin Staisch leitet die Buchhandlung und will sich unbedingt an der TTIP-Aktion der Buchhändler beteiligen. "Für uns ist die Buchpreisbindung eine Frage auf Leben und Tod. Wenn die Buchpreisbindung wegfällt, könnten viele kleinere Buchhandlungen dem Wettbewerb mit Unternehmen, wie Amazon, nicht standhalten und müssten schließen."

Nach Monaten der Geheimhaltung hat die EU-Kommission am Donnerstag das Verhandlungsmandat für TTIP offengelegt. Nur audiovisuelle Medien sind vom Freihandelsabkommen ausgenommen.

TTIP in Zahlen

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Der Albtraum der Buchhändler könnte also wahr werden. In München will man das nicht einfach hinnehmen. An 111 Orten sind Protestaktionen geplant. Für das europaweite Bündnis Stop TTIP sammelt man seit Dienstag Unterschriften. 400 000 sind es bereits.