Projekt "Munich Central" Vom Gemüsehändler zum Hotelbesitzer

Mahir Zeytinoglu kam auch an Gleis 11 an, 1973. "Wir haben eine kleine Tüte gekriegt, mit Apfel, Birne und Banane. Dann hab ich da unten im Bunker zwei Stunden gewartet. Und dann hatte ich meinen ersten Job, bei der Stadtgärtnerei." Zeytinoglu sitzt im Foyer des Hotels Goethe, seines eigenen Hotels, das einen türkischen Halbmond in Goethes "O" trägt. Hinter ihm eine Fotowand, Zeytinoglu, der dem Ruhm und der Macht die Hand schüttelt: Wiesheu, Stoiber, Ude, Beckstein, Gauweiler, "sehr guter Mann, der hat hier den Schmutz weggemacht".

Zeytinoglu ist heute einer der Paten des Viertels, er hat sich vom Gemüsehändler zum Hotelbesitzer hochgearbeitet, in Hürriyet stand mal, er sei der Bürgermeister der Goethestraße. Im Eingangsbereich hängen Ölbilder von Goethe, Atatürk und Ludwig II., Zeytinoglu will gelebtes Multikultitum präsentieren, in seinem Reden zeigt sich dann freilich, dass es nicht weit her ist damit.

Man muss in seinem Originalsingsang hören, wie das von freundlich mahnender UNO-Generalsekretärsrhetorik umkippt in eisiges Ressentiment: "Wir sind geboren, eine Zeit später sterben wir, also Frieden ist wichtig, wie im west-östlichen Divan. Goethestraße sauber halten. Deshalb keine Bulgaren und Rumänen, die sind nix, ich rufe Polizei, muss man wegmachen, schmutzig alle, aber Polizei sagt, kann man nicht wegschmeißen in Heimat, ist EU Bulgarien. Leider."

Alexander und Nikolay sind zwei der Bulgaren, von denen Zeytinoglu sprach. Die Tatsache, dass sie an diesem Nachmittag im Munich Central sitzen, ist ein schöner Beleg für den Wildwuchs dieses Viertels: Die Kammerspiele hatten ihr Basislager noch gar nicht fertig eingerichtet, da setzte sich die bulgarische Community hier fest: An der Ecke Goethe- Landwehrstraße gibt es einen Arbeiterstrich, jeden Morgen um halb sechs stehen dort an die 150 Bulgaren und hoffen, dass irgendein Bauunternehmer kommt und einige von ihnen brauchen kann. Diese Bulgaren sind die modernen Arbeitsnomaden, keiner von ihnen wurde mit Apfel, Banane und Birne am Hauptbahnhof empfangen, keiner hat auf sie gewartet, sie ergattern, wenn sie Glück haben, einen bis drei Jobs im Monat, das meiste auf Ausbeutungsbasis, schwarz. Alexander hat im Februar seinen rechten Zeigefinger verloren. Der Arbeitgeber hat ihm 150 Euro Schweigegeld gezahlt, ein paar Tage später stand Alexander wieder an der Goethestraße. Jetzt ist er froh um das Café: Schließlich gibt es hier in der Gegend keine Parks, ja nicht mal Bänke.

Man spürt, wenn man sich ein paar Tage durch das Viertel bewegt, bis heute das Provisorische, das der Gegend von Anbeginn anhaftete: Bis zur Pettenkoferstraße wurde die Bebauung im 19. Jahrhundert generalstabsmäßig geplant, die baumbestandenen Straßen, die wilhelminischen Bauten, die Plätze. Zwischen Pettenkoferstraße und Bahnhof aber gab es eine "planerische Lücke", wie der Architekt Hajo Bahner das nennt, Wiese und waste land, das Münchner Bauern während des Booms der Gründerzeit wild verkauft haben. "Die damaligen Spekulanten pressten so viel Häusermasse wie nur irgend möglich auf den Baugrund, bis heute findet man in München nirgends so tiefe Hinterhöfe wie hier." Bahner wird zum Stadtpoeten, wenn er im Café GAP, dem letzten erhaltenen Nachkrigesschnellbau, von seinem Viertel spricht. Wobei es schon fast nach Konstantin-Wecker-Harmonik klingt, wenn er vom Künstlerviertelambiente und den "syntopischen Qualitäten" des Areals schwärmt.

Vera braucht man mit multikulturellem Ambiente und urbanen Syntopien nicht zu kommen. "Süßer, wir reden vom Hauptbahnhof, okay? Weißt du, wie viele total verstrahlte Typen jeden Tag hier vorbeilaufen?" Es ist zwei Uhr nachmittags, in der Dolly Bar sind außer Vera nur zwei Frauen, eine Schwarze und Sofia, die mit schwerem Augenaufschlag am Tresen sitzt und fragt, ob man nicht wenigstens einen Piccolo ausgeben will. Vera sagt, es sei ja alles nicht mehr wie früher, trotz Rotlicht keine Erotik. "Die Gegend wäre perfekt für Prostitution, aber wir dürfen ja nicht." Außerdem sei das Geschäft eh kaputt. Durchs Internet. Durch die osteuropäischen Frauen, die die Preise verderben. "Und die Wirtschaftskrise hat uns den Rest gegeben."

Sofia sagt, sie erhole sich in dieser Bar, sie hat 20 Jahre als Domina gearbeitet, dann hat sich ihr Mann umgebracht, "jetzt orientiere ich mich hier neu, ist ja völlig harmlos". Dann sagt sie, die SM-Szene sei vor die Hunde gegangen, es gebe keine guten Dominas und kaum noch echte Masochisten. Sie selbst habe noch eine langjährige Ausbildung durchlaufen, "Bondage, so was musst Du hunderte Stunden geübt haben, bevor du das am Kunden machst, heute fangen die Mädchen einfach an und binden die irgendwie fest." Auch das Material, das nebenan verkauft werde, sei lausiges Zeug, "eine gute Peitsche kostet 300 Euro, drüben gibt's welche für 60, die sind nach dem ersten Züchtigen hinüber."

Interessant, was man dank der Kammerspiele alles lernt.

Das gesamte Programm des Stadtprojekts der Münchner Kammerspiele ist unter www.munich-central.de zu finden.