Professur für Betreuung Sterbender Am Ende

Was treibt Menschen vor dem Lebensende um? Das erforschte die Stiftungsprofessur am Uniklinikum Großhadern. Jetzt ist sie ausgelaufen.

(Foto: Roos Koole/picture alliance)
  • Am Donnerstag hat der Bundestag über eine Liberalisierung der Sterbehilfe debattiert.
  • Politik, Kirche und Verbandsvertreter sind sich einig: Die Palliativmedizin muss gestärkt werden.
  • An der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität ist nun allerdings die Stiftungsprofessur für Betreuung Sterbender ausgelaufen.
Von Jakob Wetzel

Es sind aufregende Tage für Eckhard Frick. Der Jesuit und Psychiater ist 2010 von der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) zu einem der beiden ersten Professoren für "Spiritual Care" berufen worden, also für die psychologische Betreuung von Sterbenden und chronisch Kranken. Die neue Professur war einzigartig in Deutschland, ein Leuchtturm-Projekt.

Aber wie relevant Fricks Forschung ist, zeigt sich gerade jetzt. Am Donnerstag hat der Bundestag über eine Liberalisierung der Sterbehilfe debattiert, Kirchen und Verbandsvertreter haben sich in Stellung gebracht. Und alle sind sich einig, dass die Palliativmedizin gestärkt werden muss. Nur: Was derzeit in München geschieht, ist das genaue Gegenteil davon. Ausgerechnet jetzt steht Eckhard Frick, der Wissenschaftler, außen vor. Seine Stiftungsprofessur am Universitätsklinikum Großhadern ist am 31. Mai ersatzlos ausgelaufen. Der Betrieb ist eingestellt. Wie es weitergeht, ist offen.

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Die Gründe sind unklar

Was ist geschehen? Dass mag oder vermag niemand so recht zu sagen. Hinter vorgehaltener Hand machen Spekulationen die Runde, es gehe um Befindlichkeiten. Sicher aber ist nur zweierlei: Die Stiftungsprofessur ist beschädigt. Und die Lage ist paradox. Denn die Professur war zwar von Beginn an befristet, aber ein Ende ist offenbar nicht geplant.

Aus der Klinik heißt es offiziell, Fakultät und Universitätsleitung seien sich einig, dass die Professur fortgeführt werden solle, gerne mit Eckhard Frick, der sei bereits angefragt worden. Der Jesuit aber äußert sich zurückhaltend. Denn weder gab es in der LMU eine rechtzeitige Entscheidung über die Zukunft der Stiftungsprofessur, noch wurde eine Interimslösung gefunden. Ein Wiederzuweisungsantrag war vorbereitet, wurde aber nicht gestellt. Warum nicht? Frick weiß es nicht. Die Klinik gibt auf Nachfrage keine Antwort.

Am Geld zumindest lag es wohl nicht. "Die Finanzierung ist recht klar", sagt Alois Glück. Der scheidende Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken hat sich für die Weiterfinanzierung der Professur stark gemacht - eigentlich mit einigem Erfolg: Bereits Ende 2014 sagte das katholische Erzbistum München und Freising zu, die Hälfte der Kosten für die kommenden fünf Jahre zu bezahlen, also 600 000 Euro.

Die Kirchen unterstützen die Professur

"Für uns ist dieses Engagement sehr wichtig", sagt ein Kirchensprecher. "Wir wollen, dass die Professur fortgeführt wird. Eine Absage an die Sterbehilfe kann es ja nur geben, wenn man die Palliativmedizin stärkt." Weiteres Geld schießt womöglich die evangelische Landeskirche zu: Sie teilt mit, es gebe Gespräche, 35 Prozent der Kosten zu übernehmen. Eine Entscheidung der Synode falle im November.

"Das Auslaufen der Professur hätte nicht sein müssen", sagt deshalb Alois Glück. Die Universität sei am Zuge gewesen. Warum es dort so "holprig" zugehe, das sei "nicht ganz ersichtlich".

Dass die Kirchen so aufgeschlossen sind, rührt daher, dass die Stiftungsprofessur für "Spiritual Care" ein Alleinstellungsmerkmal der LMU gewesen ist. Ins Leben gerufen hat sie maßgeblich Gian Domenico Borasio. Der Mediziner war in München ein Pionier seines Fachs: Mit seinem Zutun wurde die LMU zu einer der Vorreiterinnen in der deutschen Palliativmedizin. Im Jahr 2004 machte sie als erste deutsche Universität die Disziplin zum Pflichtfach für Medizinstudenten.

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Und auch mit der Professur für "Spiritual Care" betrat sie Neuland: Erstmals nahm eine Universität in Europa die Definition von Palliativmedizin, wie sie die Weltgesundheitsorganisation formuliert hat, wissenschaftlich ernst: Demnach geht es bei der Begleitung Todkranker nicht nur um körperliche Schmerzen, sondern auch um psychisches Leid. Die Professur sollte erforschen, was Kranke umtreibt, ohne sich dabei auf religiöse Fragen zu versteifen. Sie wurde von zwei Professoren jeweils zur Hälfte besetzt, das Geld kam vom Stifterverband für die deutsche Wissenschaft.

Der evangelische Theologe Traugott Roser (r.) und sein katholischer Kollege Eckhard Frick haben an der Ludwig-Maximilians-Universität München das Fach 'Spiritual Care' unterrichtet.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

In der medizinischen Fakultät gab es zunächst Skepsis; für manche Ärzte klang "Spiritual Care" mehr nach Esoterik als nach seriöser Wissenschaft. Doch da half, dass Eckhard Frick die eine Hälfte der Professur bekleidete; er ist nicht nur Seelsorger, sondern auch approbierter Arzt. Die zweite Hälfte übernahm ein evangelischer Theologe. Und mittlerweile macht das Beispiel der LMU Schule. So entsteht derzeit ein Lehrstuhl für "Spiritual Care" an der theologischen Fakultät der Uni Zürich.

Wie es nun weiter gehen könnte

Borasio leitete bis 2011 das Interdisziplinäre Zentrum für Palliativmedizin in Großhadern, dann verließ er die LMU im Streit. Wenig später entstand im Uni-Klinikum eine eigene Klinik und Poliklinik für Palliativmedizin. Borasio lehrt heute in Lausanne. Was in München geschieht, mag er nicht nachvollziehen. "Die Stiftungsprofessur ist ein Juwel, das gerade einer Voll-Universität wie der LMU sehr gut zu Gesicht stand", sagt er. Vor dem Hintergrund der aktuellen Debatten sei es "absurd, das auslaufen zu lassen".

Ob und wie in München künftig über "Spiritual Care" geforscht wird, darüber wird jetzt verhandelt. "Etwas wird weitergehen", sagt Eckhard Frick. Was? "Das steht in den Sternen." Auf die LMU angewiesen ist er nicht; Frick ist Professor an der Münchner Hochschule für Philosophie der Jesuiten.

Auf deren Homepage findet sich bereits ein eigener Zertifikats-Studiengang für "Spiritual Care". Der sei schon länger geplant, sagt Frick; jetzt werde sondiert, mit wem die Hochschule künftig kooperieren kann. Die ersten Lehrveranstaltungen dazu sind für den Herbst dieses Jahres geplant.