Professionelle Hilfe "Wir schaffen das"

Corinne Beil arbeitet als Paar- und Familientherapeutin in München. Die Französin ist mit einem Deutschen verheiratet.

(Foto: oh)

Die Paartherapeutin Corinne Beil über Heimweh und Offenheit

Interview von Franziska Gerlach

Corinne Beil, 50, ist Paar- und Familientherapeutin in Pasing und befasst sich mit binationalen Beziehungen. Die Liebe zwischen zwei Kulturen ist ihr vertraut. Sie kommt aus Lyon in Frankreich und ist mit einem Franken verheiratet. Ihre drei Kinder hat sie zweisprachig erzogen.

SZ: Frau Beil, verlieben sich binationale Paare anders? Corinne Beil: Das kommt darauf an. Gerade bei Menschen aus sehr unterschiedlichen Kulturen ist das Exotische eine große Attraktion. Kommen dann noch kritische Stimmen aus dem Umfeld dazu, packt einen das Gefühl: "Wir schaffen das, uns kann keiner was anhaben."

Provokant gefragt: Will man sich dadurch vielleicht sogar interessant machen? So pauschal kann man das nicht sagen. Zwar demonstriert man mit einem ausländischen Partner eine gewisse Offenheit und Toleranz. Beim Verlieben geht es aber um Sehnsüchte, die erfüllt werden wollen. Man muss sich wohlfühlen bei dem anderen, das hat mit landesspezifischen Tugenden nichts zu tun.

Was führt in binationalen Partnerschaften zu Konflikten? Wenn es etwa um die Frage geht, ob man den Sohn beschneiden lässt oder nicht. Das kann aber zwischen einem Gläubigen und Nicht-Gläubigen aus demselben Land genauso zu Konflikten führen. Nur wird es bei binationalen Paaren immer sofort auf die Kultur geschoben. Ein weiteres Thema ist, wenn erwartet wird, dass der deutsche Partner die Familie im Ausland finanziell unterstützt. Andererseits fühlen sich ausländische Ehepartner hier oft einsam. Manche kommen aus Großfamilien, wo die Türen immer offen stehen. Hier ist man nicht so spontan.

Findet man nicht automatisch über den deutschen Partner Anschluss? Nicht unbedingt. In einer großen Stadt wie München, wo viele Kulturen leben, mag das noch einigermaßen einfach sein, aber in einem kleinen Kaff als Ausländer ein soziales Netzwerk aufzubauen, das ist schwer. Da bekommt man Heimweh.

Eine große Herausforderung ist die Sprache. Wie kann man die meistern? Beide müssen sich bemühen, die Sprache des anderen zu lernen, auch wenn es nur ein paar Brocken sind. Dadurch zeigt man, dass man die fremde Kultur akzeptiert. Und sich dafür interessiert.

Wie gehen Sie in der Therapie vor? Ich gebe den Paaren Raum zur Reflexion, in dem sie sich erklären und verstehen können. Bei einer Paartherapie geht es immer auch darum, sich selbst zu zeigen - in manchen Kulturen ist Gesichtsverlust aber ein großes Problem. Da muss man behutsam vorgehen. Schritt für Schritt.

Was kann man Positives aus solchen Partnerschaften ziehen? Man lernt, dass die eigene Kultur nicht die einzig gültige ist und auch die andere ihre Vorzüge hat. Wer sich da Flexibilität bewahrt, kann sich das Leben bunter gestalten. Man pickt sich quasi das raus, was einem am besten gefällt.

Was würden Sie diesen Paaren empfehlen? Die Kultur des anderen in den Alltag zu integrieren, durch Filme oder Essen zum Beispiel. Auch Kontakte zu Gleichgesinnten können helfen, das gibt dem ausländischen Partner ein Gefühl von Heimat. Im Idealfall verbringt man sogar Zeit in dessen Land und lernt die Familie kennen. Die andere Kultur zu begreifen, schafft Nähe.