Preisgekrönte Masterarbeit Flucht vor dem Vulkan

Nora Wildenauer ist für ihren Film über die Umsiedelung von Menschen auf indonesischen Inseln mehrfach ausgezeichnet worden

Von Anne Kostrzewa

In Indonesien, sagt Nora Wildenauer, sei das Zeitgefühl der Menschen ein anderes. Eine Art "Gummizeit, die sich dehnen lässt", in der Minuten zu Stunden werden können und Tage zu Monaten. Als die Studentin 2014 auf die indonesische Insel Flores kommt, trifft sie dort Dutzende Familien, die in dieser sich dehnenden Zeit auf ihre Umsiedlung warten. Die Regierung hat ihnen neue Häuser versprochen, nachdem ein Vulkanausbruch ihre kleine Insel Pulau Palue verwüstet und viele Hütten unter Lavamassen begraben hatte. Das Warten der Familien, ihre zunehmende Hoffnungslosigkeit hat Nora Wildenauer mit der Kamera eingefangen. Herausgekommen ist der Dokumentarfilm "Fighting for Nothing to Happen", für den die 29-Jährige mit zwei Preisen geehrt wurde - auf dem Filmfest in Denver und an der Universität im niederländischen Leiden.

Die Menschen sollen auf der nahe gelegenen Insel Pulau Besar ihr neues Zuhause finden

Dass die Münchnerin überhaupt auf Flores landete, dort über die Flüchtlinge stolperte und ihre Geschichte verfilmte, könnte man gut und gerne als eine Reihe von Zufällen abtun. Tatsächlich erzählen diese vermeintlichen Zufälle viel über die Art, wie Wildenauer tickt. Überlegt-spontan könnte man das nennen, es ist ein langes, genaues Abwiegen der Möglichkeiten, das schließlich mit einer spontanen Hauruck-Aktion besiegelt wird. Zufall eins: Die Jahre nach dem Abi, in denen Wildenauer überlegt, in welche Richtung es nun eigentlich gehen soll für sie. Wildenauer verschiebt die Entscheidung, packt einen Rucksack und fährt los. Hierhin, dorthin. Statt etwas anzufangen, was sie nicht möchte, akzeptiert sie die Lücke im Lebenslauf. "Zurück nach München zu kommen, war am Ende eine total spontane Entscheidung. Um sie treffen zu können, habe ich die Zeit aber einfach gebraucht." Als sie nach drei Jahren wieder da ist, schreibt sie sich an der LMU für Ethnologie ein.

Im August 2013 war der Vulkan Rokatenda auf der kleinen indonesischen Insel Pulau Palue ausgebrochen.

(Foto: AFP)

Zufall zwei: Der Sprachkurs, den ihr die Prüfungsordnung verordnet. Sie überlegt, wägt ab, und wählt schließlich Indonesisch. Mittlerweile spricht sie die Sprache fließend, kommt in ihrem Film aus dem Off auch selbst zu Wort. Sie hinterfragt die Handlungen ihrer Protagonisten, so wie sie auch ihren eigenen Lebenslauf immer wieder hinterfragt. Sie will verstehen, warum die Regierung beim Bau der neuen Häuser für die Flüchtlinge so lange zögert, warum es trotz vorhandener Gelder nicht vorangeht. Sie hakt bei den engagierten Mitarbeitern der christlichen Hilfsorganisation nach, die das Umsiedlungsprojekt begleitet, warum sie nicht vehementer für den Beginn der Bauarbeiten kämpfen. Ob sie ein neues Treffen vereinbaren werden, nachdem ihr staatlicher Ansprechpartner eine Verabredung ohne Begründung absagt. "Nein, es wird kein weiteres Treffen geben", antwortet ihr Protagonist. Warum nicht, will sie wissen. "Ausländer sind da anders", antwortet er und sieht sich in ihrem Nachbohren bestätigt. "Indonesier sind nicht so direkt", sagt er. Es wird also noch länger dauern, bis die Flüchtlinge endlich umziehen können. Die Gummizeit.

Zufall drei: Bei ein paar Hellen, die Wildenauer mit einem Kommilitonen in einer Münchner Studentenkneipe trinkt, philosophieren die beiden über Themen für eine Abschlussarbeit. So viele Optionen. Am Ende geht es, wieder spontan entschieden, nach Indonesien, wo die Ethnologin, Zufall vier, von einer Umsiedlung vor 20 Jahren erfährt. "Nach einem Tsunami mussten die Menschen ihre Heimat verlassen, die einst das Paradies auf Erden gewesen war", erinnert sie sich "Eine wahnsinnig traurige Geschichte." Eine Geschichte, die sie nicht mehr loslässt.

Die Ethnologin Nora Wildenauer begleitet in ihrem Film den ungleichen Kampf zwischen einer Hilfsorganisation und der indonesischen Regierung.

(Foto: Stephan Rumpf)

Nach ihrem Bachelor suchte Wildenauer lange nach der richtigen Uni für ihren Master. Das Abschlussprojekt steht diesmal schon fest: Sie will die Geschichte der Umsiedlung erzählen. Den Zuschlag bekommt nach einem Jahr Überlegung die Uni Leiden in den Niederlanden, die Umweltethnologie als Forschungsschwerpunkt anbietet. Die Umwelt wird bei ihrem Film tatsächlich eine Rolle spielen. Nur wird es eben nicht der Tsunami vor 20 Jahren sein, den sie zum Thema ihrer Abschlussarbeit macht, sondern der Vulkan Rokatenda, der ausbricht, kurz bevor Nora Wildenauer zu ihrer Forschungsreise aufbricht. Zufall fünf. Sie trifft die heimatlos gewordenen Menschen in notdürftigen Unterkünften, besucht die nahe gelegene Insel Pulau Besar, auf der sie ihr neues Zuhause finden sollen. Doch das Geld verschwindet, ohne dass die Bagger rollen.

Zufall sechs: Die Studiengangskoordinatorin überredet Wildenauer, sich in einen Sommerkurs für visuelle Anthropologie einzuschreiben. Eigentlich ist die Anmeldefrist schon abgelaufen, aber die Koordinatorin hat so ein Gefühl, dass es Wildenauer gefallen könnte. Sie irrt sich nicht. In wenigen Monaten lernt die Münchnerin Kameraführung und Schnitt. Sofort ist ihr klar, dass die Masterarbeit eine multimediale werden wird.

Sie, die sich bis heute nicht gern fotografieren oder filmen lässt, entdeckt ihre Leidenschaft für die Arbeit hinter der Kamera. "Mit der Kamera habe ich einen ganz anderen Zugang zu den Menschen", sagt Nora Wildenauer. Als Ethnologin habe sie so eine "neue Berechtigung im Feld", also dafür, die Menschen für ihre Forschung zu begleiten. "Die Leute verstehen gleich, was ich als Ethnologin bei ihnen tue, filmen nämlich", sagt sie. "Aber vor allem ermöglicht der Film es mir, das Material meiner Forschung mitzunehmen und es mir Zuhause noch mal in aller Ruhe anschauen zu können." Über 30 Stunden Filmmaterial bringt Wildenauer mit nach Leiden.

Die Dateien helfen ihr auch, ihre Eindrücke einzuordnen, eine Aufgabe, für die Ethnologen nach ihren Reisen oft genauso viel Zeit brauchen wie für die Veröffentlichung der Ergebnisse. "Nach so einer Forschung hinterfragst du dein Wertesystem", sagt die Filmemacherin. "Du reflektierst über dich selbst. Und die Grenzen, die du überwunden hast."

Nora Wildenauer bekam das Dengue-Fieber. Durch die Notaufnahme sprang eine Katze

Die wohl härteste Probe, auf die Flores die Ethnologin stellt, ist die Nacht, in der sie plötzlich hohes Fieber bekommt. Diagnose: Dengue. Mediziner nennen es auch "Knochenbrecher-Fieber". Noch heute schüttelt es die Ethnologin beim Gedanken daran. "Die Schmerzen waren unerträglich." Sie kommt in die kleine Notfallambulanz der Insel - wohlwissend, dass sie die im schlimmsten Fall nötige Bluttransfusion dort nicht bekommen kann. "Durch die Notaufnahme sprang eine Katze", erinnert sie sich. "So sehr ich die Menschen dort ins Herz geschlossen habe, in dem Moment wollte ich nur noch weg." Nach Hause, oder zumindest in die Klinik auf die Hauptinsel zu fliegen, ist aber keine Option. Durch das Virus ist der Thrombozyten-Wert in ihrem Blut viel zu niedrig, um den Kabinendruck ausgleichen zu können. Diesmal sind es die äußeren Umstände, die Wildenauer zum Warten verdammen. Zurück in den Niederlanden braucht sie noch Wochen, bis sie wieder ganz gesund ist und endlich an ihrem Film arbeiten kann.

Als die Ethnologin Monate später mit dem fertigen Film zurück nach Flores reist, um ihn den Protagonisten zu zeigen, sind viele der Flüchtlinge verschwunden. Hundert Häuser binnen eines Monats hatte man ihnen versprochen. Nach zwei Jahren Bauzeit stehen gerade mal 35. Wer keines abbekommen hat, ist zurückgekehrt auf die alte, zerstörte Insel. Ewig ist Zeit auch in Indonesien nicht dehnbar.

Wie es für Nora Wildenauer nun, nach dem Abschluss, weitergehen wird, weiß die Ethnologin und Filmemacherin noch nicht. Auch für diese Entscheidung nimmt sie sich Zeit. Um sich dann, ganz spontan, ins nächste Abenteuer zu stürzen.