Post für Uli Hoeneß Erpresser auf dem Fahrrad

Bekam einen Erpresserbrief: Uli Hoeneß

(Foto: dpa)

Er kam mit dem Rad und stürzte bei der Flucht: Die Polizei hat den mutmaßlichen Erpresser von Uli Hoeneß geschnappt. Der Mann hatte gedroht, ihm die Haft zur Hölle zu machen. Der Gefängnisaufenthalt des Ex-Bayern-Präsidenten beschäftigt inzwischen auch das bayerische Kabinett.

Von Annette Ramelsberger, Susi Wimmer und Frank Müller

Der Mann gab erst mal gute Ratschläge, ganz freundlich kam sein Brief daher, zweieinhalb Seiten voller guter Tipps: Dass Uli Hoeneß kein Geld mitnehmen solle in den Knast. Dass er beim Einrücken in die Haft sowieso alles abgeben müsse, auch die Kleidung. Dass er dort aber ein Eigengeldkonto bekomme und sich Geld verdienen könne, wenn er im Gefängnis arbeite, und was er sich davon drinnen alles kaufen könne, Schokolade zum Beispiel. Der Brief war höflich geschrieben, in gutem Deutsch. Da konnte sich einer ausdrücken.

Dann aber kam der Absender recht schnell auf den eigentlichen Grund seines Schreibens zu sprechen: Es ist nicht Fürsorge, sondern Erpressung.

Der Mann wollte vom früheren Präsidenten des FC Bayern mehr als 200 000 Euro erpressen. Sonst, so schrieb er nach Informationen der Süddeutschen Zeitung an Hoeneß, werde "Ihre Haftzeit kein Zuckerschlecken". Er habe tatsächlichen Einfluss auf Hoeneß' Haftverlauf und seine Haftbedingungen. Und er könne in jeder Haftanstalt dafür sorgen, dass es ihm nicht gut gehe. Auch seine Frau und die Kinder würden Schwierigkeiten bekommen. Wenn er aber zahle, dann könne er versichern, dass Hoeneß in der Haft ordentlich behandelt werde. Er sei zwar kriminell, aber doch fair, schrieb der Erpresser. Hoeneß las den Brief und handelte sofort.

Hoeneß muss demnächst seine dreieinhalbjährige Haftstrafe antreten, zu der ihn das Landgericht München im März wegen Steuerhinterziehung in Höhe von 28,5 Millionen Euro verurteilt hat. Schon vor dem Erpresserbrief erklärte sein Anwalt gegenüber der Staatsanwaltschaft, dass Hoeneß befürchte, Gefangene oder Haftpersonal in Landsberg würden bestochen, um Einzelheiten über ihn und seine Haftzeit nach draußen zu tragen. Die Haftanstalt hatte im April 150 Journalisten durch das Gefängnis geführt, Hoeneß fühlt sich dadurch in seiner Privatsphäre verletzt. Er hatte deswegen den Antrag gestellt, nicht in Landsberg, sondern in einer anderen Haftanstalt seine Strafe verbüßen zu können. Der Erpresserbrief wird ihn darin noch bestärkt haben.

Das Schreiben war am Donnerstag, dem 8. Mai, abgestempelt worden, kam am Samstag an, und bereits am gleichen Abend sollte die Übergabe des Geldes erfolgen. Die Familie Hoeneß wandte sich umgehend an die Polizei. Und Hoeneß ging zum Schein auf die Erpressung ein.

Köder im Mülleimer deponiert

Die Polizei deponierte nach SZ-Informationen ein Päckchen, in dem sich das Geld angeblich befinden sollte, in einem Mülleimer an der Bushaltestelle Leutstettener Straße/Aidenbachstraße im Münchner Stadtteil Sendling. Offensichtlich fuhr ein Polizist mit dem Auto von Uli Hoeneß vor, um den Erpresser zu täuschen, denn man ging davon aus, dass der mit großer Wahrscheinlichkeit den Abfalleimer beobachten würde.

Warum Hoeneß nicht nach Landsberg will

Die JVA Landsberg hat einen guten Ruf und eine großzügigere Besuchsregelung als andere bayerische Gefängnisse. Uli Hoeneß hat trotzdem beantragt, seine Haft anderswo antreten zu dürfen. Er sieht seine Privatsphäre verletzt. Von Annette Ramelsberger mehr ...

Die Täuschung glückte. Um 20.45 Uhr erschien ein Mann an dem Mülleimer, er kam mit dem Fahrrad angeradelt. Er holte das Päckchen zielsicher aus dem Abfalleimer und wollte los. Da griff die Polizei zu. Zivilpolizisten sprachen den Mann an. Der wollte noch davonradeln, stürzte dann aber, angeblich ohne dass Beamte daran beteiligt waren. Das erklärt zumindest die Polizei. Bei dem Sturz verletzte sich der Mann, er wurde ins Krankenhaus gebracht, ist aber ansprechbar. Nach Informationen aus Polizeikreisen hat er bei einer ersten Vernehmung die Tat bereits gestanden. Er wohnt ganz in der Nähe des Übergabeorts.

Der mutmaßliche Erpresser hat durchaus Erfahrung mit dem Strafvollzug, jedoch nicht aufseiten der Sicherheitsbehörden, die über die Vollstreckung von Hoeneß' Strafe entscheiden. Thomas S. ist 50 Jahre alt und saß schon in verschiedenen Haftanstalten - wegen Eigentumsdelikten und Raub. Er hat dadurch viele Kontakte zu Gefangenen. Von einer Drohung mit "Realitätsbezug" sprechen deswegen Ermittler.

Glaubt man den Angaben in dem Erpresserbrief, dann wollte Thomas S. das Geld nicht nur für sich, sondern auch für einen Angehörigen, um den er sich kümmert. Er könne das nötige Geld nicht auf legale Weise erwirtschaften, schrieb er. Ob dieser Hintergrund der Wahrheit entspricht, ist bisher nicht bekannt. Der Ermittlungsrichter erließ Haftbefehl wegen versuchter Erpressung, der Mann sitzt jetzt in U-Haft.

Diese Woche fällt Entscheidung über Hoeneß' Unterbringung

Rings um Hoeneß herrscht Schweigen. Sein Anwalt sagt nichts, die Staatsanwaltschaft schweigt, die über Hoeneß' Antrag entscheiden muss, die Haft nicht in Landsberg anzutreten. Auch im Ministerium, das zustimmen müsste, wenn Hoeneß in eine andere Haftanstalt käme, gibt es keine Auskunft. Dabei soll noch in dieser Woche entschieden werden, wo Hoeneß seine Strafe verbüßt. Ende Mai, Anfang Juni muss er die Haft antreten.

Auch das bayerische Kabinett befasste sich am Dienstag kurz mit dem Fall Hoeneß. Laut Staatskanzleichefin Christine Haderthauer sprach Justizminister Winfried Bausback Hoeneß' Verlegungswunsch an. Er habe zugesichert, "dass jeder natürlich das Recht hat, ein Verlegungsgesuch zu stellen, und dass das ganz normal nach den Kriterien behandelt werden wird, die für jedermann gelten", sagte Haderthauer.

Genau diese Standardbehandlung des prominenten künftigen Häftlings hatte kürzlich Ministerpräsident Horst Seehofer gefordert - nachdem das Justizministerium zu Seehofers Ärger einen großen Presserundgang in dem Gefängnis veranstaltet hatte. Er wolle, dass sich so etwas nicht wiederholt, hatte Seehofer danach erklärt.

Tabu spielen im Knast

Darf man das? 150 Journalisten werden durch die Anstalt geführt, in die bald ein sehr berühmter Häftling einrücken wird. Reporter dürfen in die Zellen schauen, filmen und fotografieren. Fragen zu Einzelpersonen werden nicht beantwortet, deshalb entwickelt sich ein Spiel, bei dem alle über Uli Hoeneß reden, aber niemand den Namen sagen darf. Von Stefan Mayr mehr ...