Porträt Sich nackt machen

"Das Berühren ist doch in unserer heutigen Gesellschaft so selten geworden", sagt Vladimir Korneev.

(Foto: Stephan Rumpf)

Vladimir Korneev singt und schauspielt, seine Chanson-Abende sind ausverkauft. In München unterrichtet er Gesang, wurde als Schauspieler entdeckt und wird immer häufiger besetzt. Wie er das macht? Indem er berührt - und sich berühren lässt

Von Philipp Crone

Vladimir Korneev sitzt im Hof des Deutschen Theaters in der Sonne und macht sich nackt. Er trägt ein blaues Sakko zur Jeans, als er anfängt zu singen. Wobei, es ist kein Gesang, es ist Musik. "Da-Daaa-Daa", seine Stimme beschreibt Höhen und Tiefen wie ein Bergpanorama, und das so laut, dass sich zwei Passanten und eine Frau am Nebentisch umdrehen. Mitten unter Menschen laut zu singen wäre den allermeisten wohl unangenehm. Aber Korneev, dieser schlanke und große junge Mann mit dem schwarzen Lockenhaar, dessen Gesicht von einem lichten Bart umrahmt wird, schaut irgendwo an die Fassade, also nirgendwohin, höchstens in sich hinein. Das "Daa" wird lauter, die Miene ist ausdruckslos, der Mund öffnet und schließt sich wie der eines Nussknackers. Dann kommen die Worte, das französische "malade" mit einer Melodie. Es gibt nichts zu sehen, nur zu hören und zu spüren. Dass hier einer sitzt und singt, der etwas zu sagen hat. "Man macht sich nackt im Chanson", sagt er.

Vladimir Korneev hat ganz offensichtlich die Fähigkeit, Menschen zu berühren. Sonst wären seine Chanson-Konzerte in Berlin in den vergangenen Monaten nicht ausverkauft gewesen, sonst wäre er sicher auch nicht bereits Gesangs-Dozent an der August-Everding-Akademie in München, mit 29, und sonst würde er nach seinem Filmdebüt im Polizeiruf vor drei Jahren nicht von Jahr zu Jahr immer mehr Filme drehen. 2015 waren es vier Rollen, 2016 fünf, und gerade kommt er vom Flughafen, weil am Vortag in Berlin ein Casting für die männliche Hauptrolle in einem Kinofilm war. Das Sakko sitzt perfekt, Korneev hat es gerade gekauft, es gibt später noch ein Foto-Shooting, bei dem er darum bittet, nicht seine Schlabberjeans zu zeigen. Der Mann, der sich nackt macht, möchte gut aussehen. Und die Frage ist ein wenig, wenn man diesen Mann beobachtet: Berührt er, weil er im übertragenen Sinn nackt auf der Bühne steht, wie er sagt? Oder berührt er, weil er das Nacktsein perfekt spielt.

Keine Frage ist, dass Korneev über Musik und im Speziellen über Chansons so sprechen kann, dass jeder Satz ein Fazit ist. "Nackt auf der Bühne, das bedeutet, den Mut zu haben, pure Empfindung ohne den Schutz einer Rolle mit dem Publikum zu teilen." Er versuche, eine Atmosphäre zu schaffen, "gesanglich und schauspielerisch", in der sich das Publikum fallenlassen kann. Korneev hat kräftige Wangenknochen, er wirkt ein wenig so wie jemand, der eine Maske wie im Karneval aufgesetzt hat. Und wenn man ihn bei seinen Auftritten beobachtet, liegt ein Teil der Spannung und Faszination, die der Sänger auf der Bühne neben seinem Pianisten ausstrahlt, in der Frage, was in diesem Gesicht wohl als nächstes passiert.

Es gibt eine Szene im Tatort "Kriegssplitter", in dem Korneev einen Killer spielt, da ist er sekundenlang zu sehen, wie er nur zuhört. Ein einziges Mal spannt er die Kiefermuskeln für einen Sekundenbruchteil an, weil ihm sein Gegenüber droht. "Text ist eigentlich zweitrangig", sagt Korneev. Er meint: Es kommt auf die Haltung an, mit der man den Text spielt. Im Film ist das die Tonlage beim Sprechen, die Mimik, im Chanson ist es die Melodie. Korneev beugt sich auf der Bank im Hof des Deutschen Theaters nach vorn und sagt: "Ich kann sagen: ,Gehst du mit mir ins Kino?', und es klingt darunter eindeutig eine Morddrohung mit." Gehst du mit mir ins Kino, mit keiner Regung im Gesicht, ganz nah am Gegenüber, tonlose Stimme. Das Darunter, das interessiert Korneev. Dort liegt meistens das Gefühl. Etwa das Gefühl, das der Zuschauer beim Kino-Satz bekommt, oder das Gefühl, was einen beim Zuhören von Korneevs Interpretationen von Jacques Brel ergreift. Die Zuhörer bei seinen jüngsten Auftritten in Berlin sagen dazu in die Kamera: "authentisch", "baff", "berührend". So ist es auf Korneevs sehr ausgefeilt eleganter Webseite zu sehen. Dort ist auch schon seine nächste CD angekündigt, für Oktober. Und am Samstagabend spielt er im Deutschen Theater Chansons.

"Ein Chanson erzählt eine Geschichte in drei Minuten und drei Strophen, für die ein Hollywoodfilm zwei Stunden Zeit hat." Der 29-Jährige sagt es nicht, aber er ist schon mehr Sänger als Schauspieler. Das liegt wohl daran, dass die Musik für ihn eine Art Rettung war, als er sieben Jahre alt war und seine Eltern mit ihm aus Georgien flüchteten.

Korneevs Vater, halb Georgier, halb Russe, war Offizier in der russischen Armee und sollte 1994 im Krieg zwischen Abchasien und Georgien eingesetzt werden. Er war zuvor schon zweimal schwer verwundet worden bei seinen Einsätzen in Afghanistan, dazu hatte er nun Frau und Kind. Er beschloss, zu fliehen. Zunächst über eine vom Vater eingefädelte Pseudoversetzung in die ehemalige DDR, "von dort sind wir dann abgehauen", und wurden als politische Flüchtlinge anerkannt. Der Siebenjährige wartete also in einer Abflughalle auf den Flug nach Deutschland, als ein Soldat sich an ein Klavier setzte und spielte, "Chopin glaube ich". Der Junge setzte sich dazu und hörte zu und war "auf einmal getröstet in einer anderen Welt". Denn obwohl die Mutter ihm gesagt hatte, dass sie nur eine Reise machen würden, hatte er gespürt, dass da etwas war. Darunter. In diesem Fall war darüber die Lüge, darunter die Wahrheit. Vielleicht fasziniert ihn das Darunter deshalb so. Damals bat er in Augsburg, wo die Familie dann landete, auf zehn Quadratmetern lebte und kaum etwas hatte, um Klavierunterricht. Keine Wurzeln, keine Geschwister, keine Freunde, keine Sprache, kein Spielzeug. Aber jede Menge Töne. Es folgte das musische Gymnasium, Schultheater, Theaterakademie, Musiker, Siege bei Wettbewerben, erste Alben.

Wenn Korneev von seiner Vergangenheit erzählt, greifen seine Finger immer wieder in die Luft. Es sind die sehnigen Finger eines Kletterers, die sich da krümmen, Korneev bouldert. Die rechte Hand greift häufiger zu als die linke. Mit rechts spielt der Pianist die Melodie, links den Rhythmus. Wenn Korneevs Hände in der Luft Halt gefunden haben, zittern sie ganz leicht. Eigentlich kein richtiges Zittern, eher ein Vibrieren. Da sitzt eben einer, der etwas zu sagen hat, zu singen und zu spielen. "Ich glaube, weil ich keine Verwurzelung habe, ist die Bühne meine Verwurzelung, nirgendwo sonst spüre ich mich so im Moment wie dort." Sätze eines schmachtenden Chansonnier-Schauspielers? Oder Sätze eines Schauspieler-Chansonniers? "Mein Ausdruck, das Timing und eben das Berühren. Ich merke, wie die Leute sich danach sehnen. Das Berühren ist doch in unserer heutigen Gesellschaft so selten geworden." Man müsse, im Gegensatz zu früher, ja gar keine Emotionen mehr aushalten im Leben. Einsamkeit? Einmal durch die Facebook-Timeline, fertig. Liebe und Sehnsucht? Einmal Tinder auf und schon ist alles in Ordnung, meint man.

Ob jemand, der selbst nach Berührung immer gesucht hat, am ehesten berühren kann? "Ich spüre auf der Bühne die Verbundenheit mit den Menschen." Wer lange Zeit völlig unverbunden war, braucht dieses Gefühl vielleicht ganz besonders. Es gibt einem aber auch das Gefühl von Macht. Menschen berühren können, wenn man will. Korneev weiß das, aber auch wenn da sehr viel emotionale Nacktheit wirklich da ist, den chansonnierenden Charmeur spielt er, den ganz leicht naiven Sänger, der jetzt auch im Film plötzlich rauskommt. Der darauf achtet, Wasser nachzuschenken und darauf, wenn er von Schauspielern spricht, auch Schauspielerinnen zu sagen.

Da passt natürlich die Geschichte, wie er zum Film kam. Als er in der Jazzbar Vogler monatlich auftrat, vor Jahren, war einmal der Chefcaster der Bavaria zufällig da. Und solche Leute erkennen gleich, wer das Darunter beim Publikum erreicht, so wie Model-Scouts die unscheinbare Schöne in der Fußgängerzone sofort sichten.

Aber im Film, ohne Publikum, ohne seine Macht einsetzen zu können, jemanden zu berühren, wie geht das da? Korneev atmet aus, seine Mundwinkel sinken leicht runter, landen genau zwischen dem Kino-Killer und dem französischen Lächel- Lover, den er fast genauso oft spielt. Beim einen Mal sind die Locken offen, beim anderen Mal nach hinten gegelt. Er sagt: "Ich spiele für meine Kollegen und die Crew, das sind ja auch immer an die 20 Leute." Und dann erzählt er von "einem der wenigen", das elegant gewollte Understatement eines Charmeurs, One-Taker, wie es in der Filmsprache heißt. Also einem Take, einer Aufnahme, die beim ersten Mal schon so gut ist, dass es keine weiteren Takes braucht. Und da habe dann der Regisseur eine Assistentin gefragt, ob die Schärfe gestimmt habe. Die allerdings war so vom Spiel oder eben Nichtspiel von Korneev gefesselt, dass sie darauf überhaupt nicht geachtet hat. Korneev lächelt, so richtig, drei Mundwinkelfalten, also Maximallächeln. Was schon wichtig ist bei einem, der mit einem Kiefermuskelzucken Mordgelüste darstellen kann. "Höhöhö", so etwa klingt sein Lachen, was auch nur deshalb auffällt, weil es das einzig irgendwie Banale an diesem Menschen zu sein scheint. Ein ganz normales Lachen.

Die Falten glätten sich, und Korneev sagt: "Beim Chanson kann man einfach nicht faken." Korneev schaut, das Gesicht wieder eine Maske, dann zuckt sein Mundwinkel kurz zurück, oder ist es doch nur ein Vibrieren?

Vladimir Korneev tritt an diesem Samstag um 20 Uhr im Deutschen Theater auf.