Polizei im Nationalsozialismus Die Mörderzentrale

Nach 1933 vereinnahmten die Nazis die Münchner Polizei rasend schnell. In einer Ausstellung dokumentiert das Polizeipräsidium jetzt seine dunkle Vergangenheit. Es geht um falsch verstandene Staatstreue, aber auch um anständige Menschen in unanständigen Zeiten.

Von Stephan Handel

Triumphierend holten die Nazis 1933 die so genannte "Blutfahne" aus der Ettstraße ab, die seit dem Putschversuch von 1923 konfisziert war.

(Foto: Stadtarchiv München)

Das ist ja nicht immer leicht, wenn Unternehmen und Institutionen bekanntgeben, sie wollten jetzt "ihre Vergangenheit" aufarbeiten - denn so ganz schlecht wollen sie meistens dann doch nicht dastehen, das eigene Nest nicht beschmutzen und außerdem auch niemandem auf den Schlips treten. Mit den Jahren allerdings fällt das leichter, vor allem, weil - im Fall der NS-Geschichte - die meisten Schlipse samt ihrer Träger schon unter der Erde liegen. Dennoch: Sich zu seiner Schuld zu bekennen und ohne Beschönigung zu veröffentlichen, was noch herauszufinden ist aus scheinbar so fernen Zeiten, das fällt immer noch nicht leicht.

Vier Jahre lang haben sich Beamte des Polizeipräsidiums mit der Geschichte ihrer Behörde beschäftigt - damit, wie sich Münchner Polizisten von den Nazis vereinnahmen ließen, und nicht nur das: wie sie mitmachten im mörderischen System und aus Überzeugung, Feigheit oder falsch verstandener Staatstreue selbst zu Verbrechern wurden. Die Arbeit der kriminalistischen Geschichtsforscher (oder geschichtsforschenden Kriminaler), unterstützt von Wissenschaftlern des NS-Dokuzentrums, wird nun in einer Ausstellung präsentiert, die bis 30. Dezember am historischen Ort in der Ettstraße zu sehen ist.

Der Versuchung, die verbrecherischen zwölf Jahre deutscher Geschichte als irgendwie vorüberziehendes Einzelereignis abzutun, ist die Arbeitsgruppe nicht erlegen: Ihre Erklärungsversuche beginnen sehr viel früher als mit der so genannten "Machtergreifung" 1933, von der so viele sagen möchten, erst dann sei von einem Tag auf den anderen alles ganz fürchterlich geworden.

Denn die Tendenzen waren schon sehr viel früher angelegt: In der Niederschlagung der Räterepublik durch präfaschistische Freikorps, in der mehr oder weniger unverhohlenen Sympathie auch von hohen Münchner Polizeibeamten für nationalistische und antisemitische Denke, Sage und Schreibe. Zwar wurde der Putschversuch von 1923 von Münchner Polizei niedergeschlagen aber genauso richtig ist, dass Ernst Pöhner, damaliger Polizeipräsident, Ministerpräsident in Bayern hätte werden sollen, wenn der Putsch geglückt wäre.

Nach 1933 nahmen die Nazis die Münchner Polizei rasend schnell in ihren Besitz. Neben der Mehrzahl der Beamten, die aus Überzeugung oder Mutlosigkeit mitmachten, gab es einige wenige, die wenn schon nicht offen Widerstand leisteten, so doch in ihrem eigenen Beritt versuchten, anständige Menschen in unanständigen Zeiten zu bleiben - durch innere Emigration, durch ehrenhafte Drückebergerei, in seltenen Fällen auch durch aktive Hilfe etwa für verfolgte Juden.

Dass die Ausstellung diese Beispiel besonders herausstellt, kann man ihr nicht vorwerfen - denn dass es auch andere Beamte gab, verschweigt sie nicht: Münchner Polizisten, deren Einheiten nach Polen, in die Sowjetunion kommandiert wurden, ganz offensichtlich nicht, um dort den Verkehr zu regeln. In Deutschland war die Polizei eingebunden in das System von Verfolgung und Vernichtung von Juden, "Zigeunern", Linken, Homosexuellen. Unter Hitler-Gegnern hieß das Haus in der Ettstraße die "Mörderzentrale".

Nach dem Ende der braunen Unzeit war natürlich längst noch nicht alles gut. Die Schau zeigt auch eine Kontinuität in Personen und Programm, besonders beeindruckend dabei ein Brief, den ein Sinti schrieb zur Verteidigung eines Freundes, der auf einem Amt ausgerastet war. Er sollte dort bei dem gleichen Beamten sein Anliegen vorbringen, der ein paar Jahre zuvor seine Familie ins KZ geschickt hatte.

Dem Polizeipräsidium Mut zu bescheinigen für diese Ausstellung, geht an der Sache vorbei, denn Selbstverständlichkeiten erfordern keinen Mut. Allenfalls Behördenchef Wilhelm Schmidbauer hätte sich mehr trauen können: Von "Menschenrechtsverletzungen" sprach er beharrlich in seiner Rede zur Eröffnung. Es waren aber: Verbrechen.