Philippe Starck trägt rote Lederhandschuhe und eine abgewetzte Lederhose. Und designt Wohnen zum Quadratmeterpreis von fast 7000 Euro.
Philippe Starck hat sich locker gemacht: Beim ersten Termin zur Vorstellung seiner Münchner Wohnungen am Mittwochnachmittag taucht er in abgewetzter Lederhose, Motorradjacke und Achtung: roten Lederhandschuhen in der Lobby des Anwesens an der Thalkirchner Straße auf. Und keiner erkennt ihn. Seine umfangreiche Entourage muss die am roten Teppich wartenden Fotografen erst darauf hinweisen, dass Mister Starck bereits im Raum ist.
Anzeige
Und mit dem ersten Blitzlicht beginnt dessen Show. "Eines Morgens bin ich aufgewacht und habe festgestellt, ich bin nicht Gott'', ist einer der englischen Sätze, die der Franzose mit dem umwerfenden Akzent auf der Bühne in sein Mikro spricht, und den die Journalisten dankbar in ihre Blöcke pinseln.
"Ich mag keinen Luxus'' ein anderer, auch wenn der Quadratmeterpreis der Wohnungen bei rund 7000 Euro liegt. Die Idee, Wohnungen von Philippe Starck anzubieten, hatte vor sieben Jahren der Brite John Hitchcox, Gründer der Manhattan Loft Corporation. Der sei zwar, wie alle Briten, nicht besonders smart, sagt Starck. Weil Hitchcox aber hartnäckig gewesen sei und Starck wie alle Franzosen höflich, willigte er schließlich in das "Yoo''-Projekt ein.
The smart tribe
Rund um den Globus entstanden Wohnungen in London, Tel Aviv, Miami, New York, Melbourne, derzeit sind zehn Projekte für etwa zwei Milliarden US-Dollar in Bau. Und jetzt also auch in München, in der ehemaligen Zweigstelle des Arbeitsamts in der Thalkirchner Straße, mit schönem Blick auf den Alten Südfriedhof.
Mit einer Wohnung made by Starck kauft man nicht nur vier Wände, erklärt der Designer, man kauft ein Lebensgefühl, und: die Zugehörigkeit zu einem eigenen Stamm - dem "smart tribe'', wie es Starck nennt. Bestehend aus Menschen, "die wach sind, die bewusst leben, das Leben schöner machen wollen''.
Und das nötige Geld haben, aber da zieht der Designer die Stirn kraus, weil das ja gar nicht immer so sei. "Ich bin überhaupt nicht einverstanden mit diesem Luxus-Gerede'', sagt er, "ich mag das große Werbeplakat da draußen nicht, auf dem irgendwas mit Luxus steht. Es geht hier um Qualität, um Energie, darum, etwas zu machen, was sich von allen anderen langweilig und schnell hingebauten Wohnungen unterscheidet.''
Der hohe Preis sei von ihm auch gar nicht so gewollt und nicht bei allen weltweiten Projekten gleich, erklärt er. "Ich bin sogar eine Art Robin Hood - wir machen sehr teure Sachen, und mit denen subventionieren wir auch sehr günstige, die sich jeder leisten kann.'' Leider liegen die günstigen Wohnungen, von denen er begeistert erzählt, in Melbourne.
Die Stammmitglieder können sich nach dem Kauf außer in ihren Wohnungen in großzügigen Gemeinschaftsflächen treffen, die Teil des Konzepts sind. "Wir wollen, dass sich die Nachbarn nicht hassen, wie anderswo'', sagt Starck, und es funktioniere: "Wir sind überrascht, wie sehr diese Räume angenommen werden'', sagt Hitchcox, "die Leute aus den einzelnen Wohnungen verbringen so viel Zeit miteinander, dass wir bei neuen Projekten die Wohnungen sogar kleiner und die Gemeinschaftsräume größer machen.''
Ein besonderes Design bekommt auch die Eingangshalle, für Starck eine "Grenze zu dem dunklen, langweiligen Leben draußen und dem Heim deines eigenen Stamms. Dein Job ist langweilig? Die Lobby soll Dich jeden Tag daran erinnern, dass du alles machen kannst - und mit einem so positiven und offenen Gefühl kannst Du dann in Deinen Tag starten.'' Und wenn Familien einziehen, gibt es sogar einen Starck-Spielplatz: In New York können die Kinder mit einem riesengroßen Schnuller im Hof spielen.
Die Abwesenheit von Luxus
Wer eine der Yoo-Wohnungen kauft, bekommt im Anschluss Bilder vorgelegt. Von Bäumen, Farben, Formen, Gegenständen, und muss dann erklären, was ihm davon gefällt und was nicht. Anhand dieser Aussagen wird der Käufer einer der vier von Starck eruierten Stammes-Untergruppen zugeordnet, in denen alle Geschmäcker das Passende für sich finden sollen.
Der Culture-Typ mag es opulent, mit barocker Exzentrik und Kronleuchtern, während in der Minimal-Linie klare und ruhige Flächen vorherrschen, Classic steht für einen eleganten Lounge-Stil und Nature für warme Naturmaterialien. "Ich bin aber nicht der, der die Wohnung schließlich designt'', sagt Starck. "Wenn man seine eigene Wohnung von einem Designer einrichten lässt, wird sie langweilig, sie wird nicht so, dass man darin leben will. Eine Wohnung muss man sich selbst einrichten - ich helfe nur dabei.'' Auf Wunsch geht die Hilfe so weit, dass die Appartements voll möbliert werden.
Am Abend, nach einem Maskenball, zu dem Starck in einer Kutsche vors Arbeitsamt vorfahren wird, wird der Luxus-Verächter mit einem Privatjet entschwinden. "Auf eine Insel'', sagt er, die klein ist und matschig, auf der ein Hüttchen ohne Strom steht, in dem ich keinen, aber gar keinen Komfort habe. Die Abwesenheit von Luxus - vielleicht ist das für mich der größte Luxus überhaupt.''
(sueddeutsche.de/SZ vom 1.2.2007)
Schuldenkrise in Griechenland
Die neueste Antwort